
E.T.A. Hoffmann ist eine bekannte Größe der deutschen Romantik in erster Linie als Autor.
Viele seiner Sujets kreisen um das Thema Musik.
Hoffmanns Bewunderung etwa für den Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart war derart groß, dass er später den Vornamen Amadeus zusätzlich annahm, um seine Verehrung für den seines Erachtens ersten echten romantischen Komponisten auszudrücken.
Hoffmanns Erzählung Don Juan kreist entsprechend um Mozarts berühmte Oper Don Giovanni.
Dann gibt es die berühmte Komponisten -Erzählung Ritter Gluck.
Ein gespenstischer Widergänger des großartigen Opernmeisters Christoph Willibald Gluck begegnet dem Ich-Erzähler und beklagt sich über die mangelnde Kunsthöhe der Gluck Interpretation der Zeit nach 1800.
(Zu Christoph Willibald Gluck siehe auf haute-culture-jdg.de mehrere Beiträge).
Ferner schrieb Hoffmann den Zyklus über die Leiden des Kapellmeisters Kreisler, die ebenfalls Teil seiner Sammlung Fantasie-Stücke in Callots Manier sind, der Dichter verdeutlicht die Außenseiter Rolle des Künstlers und das stete Unverständnis seiner Mitmenschen darin. Kreisler ist wie ein alter Ego von Hoffmann selbst, eine Kunstfigur, die dem Dichter zum Spiegelbild wird.
.
Berühmt sind desgleichen Hoffmanns Deutungen der Musik Beethovens, die wesentlich zum Verständnis seiner Musik und nicht minder zu seinem Mythos beigetragen haben.
Wenngleich Hoffmann seine Deutung Beethovens fast zu sehr romantisch übersteigert.
Aber Hoffmanns romantisiertes Beethoven Bild war stilbildend und wirkt bis heute nach.
Hoffmann zählte zu den vielfach begabten Multitalenten seiner Zeit. Denn der Dichter war zugleich ein begabter Zeichner, ja Maler und eben auch Komponist. Als Tonkünstler ist Hoffmann noch zu entdecken. Zu Lebzeiten hatte er mit seiner Musik vergleichsweise am wenigsten Erfolg.
Selten wird seine Musik auch heutzutage leider in Konzerten gespielt. Freilich war Hoffmann als Komponist weder ein Schubert, noch ein Beethoven, aber mit Sicherheit ein genialisches Talent.
Vor diesem Hintergrund versteht man leichter, warum gerade Hoffmann solche kenntnisreichen Schriften und Musiker-Erzählungen verfassen konnte.
Zum Entdecken und Kennenlernen seiner Musik, anlässlich von Hoffmanns 250 Geburtstag am 24. Januar in diesem Jahr, hat jüngst das Label CPO eine kleine Box mit 8 CDs aufgelegt, die einen guten Überblick über sein kompositorisches Schaffen bietet.
Zwar fehlt hier leider seine wichtigste Oper, nämlich die Undine (abgesehen von der Ouvertüre), aber dafür sind einige Bühnenwerke vertreten wie das Melodram Dirna und das Singspiel Liebe und Eifersucht.
Zudem gibt es ein wenig Kammermusik, darunter sein einziges Klaviertrio und das wunderbare Harfen-Quintett zu entdecken, außerdem sind sämtliche 5 Klaviersonaten eingespielt.
Dann sind Ouvertüren und seine einzige Sinfonie zu hören. Eine weitere Scheibe vereint seine große Messe in D-moll mit dem Miserere. Das ist eine Einladung zum Kennenlernen des Komponisten und freilich animiert das Erkunden der Musik Hoffmanns zugleich zum Wiederlesen seiner Prosa.
Hoffmanns Sonaten für das Pianoforte werden hier von Wolfgang Brunner auf einem historischen Wiener Flügel der Zeit einfühlsam gespielt.
Teils wirkt diese Klaviermusik zunächst fast ein wenig spröde, vor allem gemessen an Beethovens großartigen Sonaten. Dennoch enthalten die Sonaten ebenfalls zauberhafte Momente gerade in den poetischen langsamen Sätzen. Einige erinnern durchaus von ihrer Disposition her an bekannte Sonaten seines Idols Mozart, bisweilen gibt es kontrapunktische Passagen darin, die an entsprechende Fantasien Mozarts anklingen und zugleich Hoffmanns Fertigkeit in der Kompositionstechnik belegen.
Ein wenig stand Mozart offensichtlich auch Pate bei Hoffmanns einziger Sinfonie in Es-Dur, vor allem der festliche Charakter und der reiche Holzbläsersatz mit Klarinetten erinnert mich an Mozarts großartige Trias seiner letzten Sinfonien.
Die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens macht diese Sinfonie zu einer echten Entdeckungsreise, ebenfalls die Opernouvertüren zu Aurora und zur Undine. Ergänzt wird diese hörenswerte Einspielung um eine Sinfonie von Friedrich Witt.
(Siehe zu Witt auf haute-culture-jdg.de meine Besprechung von Sinfonien)
Auch die Kammermusik CD lohnt. Insbesondere das feinfühlige Harfenquintett überzeugt hier mit dem Parisii Quartett und der Harfenistin Isabelle Moretti. Eigentlich sollte dieses Stück gängiges Repertoire werden neben Händel und Mozart, zumal es ja gar nicht so viel Konzert- und Kammermusik für Harfe, wenigstens aus Barock, Klassik und früher Romantik, gibt.
Das Klaviertrio mit dem Beethoven Trio Ravensburg ist ebenfalls hörenswert und wird ausdrucksvoll musiziert. Dazwischen stehen einige italienische Duette, die hier von Dorothee Mields und Jan Kobov zelebriert werden, als wäre es bester Rossini. In der Tat scheint sich Hoffmann hier an seinem als Komponisten weit berühmteren Kollegen Rossini inspiriert zu haben.
Eher wieder mehr eine in Richtung Romantik weisende Kompositionsweise, aber mit eindeutig an Mozart und Haydn geschultem Satz, zeigen die wenigen geistlichen Werke Hoffmanns, nämlich seine D-Moll Messe und seines Miserere. Beide Kirchenstücke werden vom WDR Rundfunk-Chor und dem WDR Sinfonieorchester Köln zusammen mit namhaften Gesangssolisten mit dramatischer Verve gegeben.
Ein bemerkenswerter Wurf ist Hoffmann mit dem Melodram Dirna nach einem Libretto von Graf Julius von Soden gelungen. Graf Soden war Theater-Gründer und -Direktor in Bamberg, der Hoffmann erst in die fränkische Bischofs-Stadt holte und dort als Kapellmeister und Dekorationsmaler engagierte. Eben für das kleine Theater schrieb der Komponist dies Werk und führte es dort mit großem Erfolg auf.
Bamberg, das ich aus meiner Studienzeit gut kenne, pflegt das Erbe Hoffmanns liebevoll.
Es gibt nahe des heute nach wie vor als Spielstätte genutzten Theaters, im früheren Wohnhaus des Dichters ein kleines Hoffmann Museum. In der Altstadt in der Eisgrube ist an einer Haustür nach wie vor der Türknauf mit dem Gesicht des Apfelweibleins zu sehen, dass in Hoffmanns Erzählung der goldene Topf eine wichtige Rolle spielt.
Im ausgedehnten Stadtgarten im englischen Stil wurde ein Gedenkstein errichtet, der die Shilhouette Hoffmanns zusammen mit dem sprechenden Hund Berganza zeigt und just an diese Erzählung Hoffmanns erinnert.
In den Gassen der vor allem von Barockhäusern geprägten Altstadt, die auf und zwischen sieben Hügeln, die vom Dom, Stifts-, Pfarr-und Kloster-Kirchen bekrönt werden, scheint bisweilen die Zeit stille zu stehen.
Gerade wenn man spätnachts von einer Weinstube durch die Gassen zieht, kann es einem geschehen, dass Hoffmanns fantastische Gestalten wieder lebendig werden und gespenstisch um die Ecke huschen.
Ich wohnte längere Zeit in einem kleinen Barockhaus in der Unteren Seelgasse, das aber zu früheren Zeiten als Gebeinhaus des ehemaligen Friedhofs der Oberen Pfarrkirche diente.
Aus meinem Wohnzimmer konnte ich direkt den hohen schmalen gotischen Kirchturm mit seinem Blendmasswerk sehen und ich blickte auf einen kleinen Platz mit dem Pfarrhaus, das ausgerechnet die Anschrift In der Hölle 1 hatte. Allein das hatte bereits etwas Spukhaftes ganz im Sinne Hoffmanns, aber die Geister der Toten ließen mich da in Ruhe studieren und auch schlafen. Und in der Hölle 1 gegenüber waren die Teufel wohl mittlerweile dank frommer Pfarrherren vertrieben worden.
Immerhin war in der Pfarrkirche eine große von Tintoretto gemalte Himmelfahrt Mariens zu bewundern, wenige Schritte genügten mir also damals, um mich wie in Venedig zu fühlen.
Bamberg ist nach wie vor ein inspirierender Ort und war auch für Hoffmann anregend.
Trotz der Bamberger Sinfoniker und einer Konzertreihe mit berühmten Solisten, darunter u.a. Paul Badura Skoda, im Kaisersaal der Residenz, erinnere ich mich allerdings nicht an eine Aufführung mit Musik Hoffmanns zu meiner Zeit. Freilich in den Antiquariaten waren seine Bücher und teils ebenfalls Aufnahmen seiner Musik erhältlich.
In Hoffmanns Melodram Dirna werden rein musikalisch die gesprochenen Dialoge untermalt bzw. mit Bühnenmusik und ein paar wenigen Chören, deren Feierlichkeit an die Zauberflöte anknüpft, kommentiert.
Musikalisch sorgt Dirigent Johannes Goritzki mitsamt dem Kammerchor Cantemus und der Deutschen Kammerakademie Neuss für packende dramatische Umsetzung.
Dieselben Interpreten geben die lautmalerische Bühnenmusik zu Das Kreuz an der Ostsee, die beschwingte Ballett-Musik zu Arlequin und die Ouvertüren zu den Singspielen Der Trank der Unsterblichkeit und Liebe und Eifersucht zum besten.
Das komplette Singspiel Liebe und Eifersucht nach einer Vorlage Calderons bietet ein Mitschnitt von den Ludwigsburger Festspielen. Hier wurde das Bühnwerk Hoffmanns anno 2008 zur Festspiel-Überraschung und erfuhr unter Michael Hofstetter zusammen mit dem Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele und einem handverlesenen Solisten-Ensemble tatsächlich seine Uraufführung nach langem Archivschlaf.
In der Tat gelingt hier Hoffmann ein in der Nachfolge der Zauberflöte stehendes Singspiel mit abwechslungsreichen Ensembles, Arien und Accompagnati und gesprochenen Dialogen.
Teils wirkt das Singspiel dann fast wie eine ins deutsche übersetzte Belcanto Oper Rossinis.
In jedem Fall war Hoffmann ein Meister des Theater-Affekts und Erinder eingängiger Melodien.
Höchste Zeit wird es also E.T.A. im Jubiläumsjahr als Komponisten wieder zu entdecken.
Jean B. de Grammont

