Oper von R. Keiser Der Carneval von Venedig

Mit Reinhard Keiser betreten wir die Opernbühne des neben Leipzig ersten bürgerlichen Musiktheaters in Deutschland, nämlich der Hamburger Oper am Gänsemarkt.

Hier wurde im Barock Musikgeschichte geschrieben. Verknüpft mit dem jungen Georg Friedrich Händel, der für Hamburg sein erstes bedeutendes Musikdrama schuf, nämlich Almira!

(siehe dazu auf haute-culture-jdg.de den Beitrag Händel beim Label CPO)

Später wurde diese Erfolgsgeschichte dann mit Georg Philipp Telemann fortgesetzt, der bedeutende Opern gerade für Hamburg schrieb.

(Es wird in absehbarer Zeit einen größeren Essay über Telemann und die Oper auf diesem Blog geben)

Lange Zeit ging man an dieser Opern-Ära im allgemeinen Musikleben vorbei, bis allmählich durch die Renaissance der Barock-Musik mit historischen Instrumenten just dies Repertoire wieder in den Focus rückte.

Gerade auch der Komponist Reinhard Keiser profitierte davon.
Dirigenten wie René Jacobs spielten seine Opern ein und brachten diese auf die Bühne im Rahmen der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik wie im Barock-Zyklus der Staatsoper Berlin unter den Linden.
Gerade beim Label CPO erschienen bereits weitere Opern Keisers auf CD.
Nun folgt endlich dessen Bühnenwerk Der Carneval von Venedig, das 1707 zur Uraufführung gelangte und ein echtes Erfolgs-Stück wurde.

Zwar fehlen hier sämtliche Rezitative und die originale Ouvertüre, was aber das Ensemble barockwerk Hamburg unter Leitung von Ira Hochman nicht hinderte diesen Torso komplett aufzunehmen und auf zwei CDs zu bannen.

Zwar reihen sich jetzt Arie an Arie, Chöre an Ensembles. Aber der melodische Schwung und die Lebendigkeit dieser Musik überzeugen selbst ohne die nur die Handlung voran treibenden Rezitative. Und eine Ouvertüre aus einem anderen Oper Keisers war schnell gefunden.

Reinhard Keisers späterer Kollege Telemann brachte dessen Talent in einem Nachruf-Sonnett von 1737 auf den Punkt. Exakt in diesem Jahr schloss die Gänsemarkt-Oper für immer ihre Türen. Eine Ära ging zu Ende.

Nachruf auf Reinhard Keiser

Ihr, die in Deutschlands Raum die Tonkunst Kinder nennet,
Lasst Keisers Untergang
nicht fühllos aus der Acht.
Er hat um euren Ruhm
sich sehr verdient gemacht,
Und manchen Ehrenkrantz
den Welschen abgetrennet.

Da seine Jugend noch
in erster Gluth gebrennet,
Wie reich, wie neu, wie schön,
wie gantz hat er gedacht!
Wie hat er den Gesang
zum vollen Schmuck gebracht,
Den dazumal die Welt
noch ungestalt gekennet!

Zu diesem zog ihn bloß
ein angeborner Trieb,
Durch den er, ohne Zwang
der Schulgesetze, schrieb.
Durch den wir mehr von ihm,
als hundert Werke lesen.

Wir ehren dein Verdienst,
du Züchtling der Natur,
Der, suchtest du gleich nicht
der Kunst verdeckte Spur,
Dennoch der größte Geist
zu seiner Zeit gewesen.

G. Ph. Telemann

Der Carneval von Venedig entpuppt sich in dieser Aufnahme als barockes Musical mit wie in Hamburg meist üblich mehrsprachigem Libretto in deutscher und italienischer Sprache.
Hinzu kommt im dritten Akt sogar das Hamburger Platt, was dieser ja eigentlich vom venezianischen Carneval handelnden Oper einen deutlichen Lokalbezug verleiht und sicher beim damaligen Publikum gut ankam. Gerade die Musik zu den plattdeutschen Abschnitten erweisen sich als echte Gassenhauer.
Isabella und Leandro, Leonora wie Celinde und Myrtenio heißen u.a. die dramatis personea, deren Arien und Duette haben natürliche fließende Melodien und die sind eher leicht und einprägsam. Teils gibt es nur vom Generalbass begleitete Arien in italienischem Stil und Sprache. Hinzu treten kurze Chöre der Masken etwa und Tanzeinlagen. Es geht rhythmisch beweglich zu, teils dank des Einsatzes von Perkussionsinstrumenten. Zu den Streichern treten paarweise Oboen und Flauti dolci.
Die Continuo-Gruppe ist mit Cembalo und Truhenorgel grundiert und wird zusätzlich mit Laute ausgesetzt.

Das barockwerk Hamburg sorgt für eine adäquate schillernde Umsetzung mit pointiertem Barock-Orchester-Sound, das macht Laune auf mehr Musik von Keiser.
Hanna Zumstedes Sopran verleiht der Leonora schmiegsame Präsenz, Fanie Antonelou singt die Sopran-Partie der Isabella nicht weniger brillant. Anna Herbst, der dritte Sopran gibt Celinde leuchtend. Während Genevieve Tschumis warmer wohlklingender Mezzosopran der Trintje Bühnenpräsenz verleiht. Mirko Ludwigs Tenor fügt sich schlank und gelenkig in die Rollen von Myrtenio und Brillo. Während die Baritone Andreas Heinemeyer und Matthias Vieweg Leandro und Rudolfo stimmmächtig Ausdruck geben.
Also lassen Sie sich gerne in diesen barocken Carneval von Venedig entführen, komponiert von einem der ersten deutschen Opernkomponisten von Rang und das an der Hamburger Barock-Oper, nämlich von Reinhard Keiser. Im Anschluss reisen sie vielleicht dann zum Carneval nach Venedig und hören dann venezianische Barock-Oper von Vivaldi oder Marcello.

Jean B. de Grammont