

Glücklicherweise ist die Telemann-Renaissance in voller Blüte!
Indes gibt es wieder neue Gesamtaufnahmen der legendären Pariser Quartette, wovon die hier besprochene gar ein Geheimtipp ist und das Zeug zu einer Referenz-Aufnahme hat.
So erscheinen beim audiophilen Label Raumklang sowohl die Six Quadri von 1730 wie die Nouveaux Quatuors von 1738 in einer Einspielung des Ensembles „Barockin“ auf drei CDs.
(Siehe zum Thema auf haute-culture-jdg.de ebenso meinen ausführlichen Beitrag:
Telemanns Pariser Quartette ein Review an Einspielungen)
Die Crème de la Crème der Virtuosen Frankreichs war einst begeistert von den Quadri von 1730, was zu einem Raubdruck des Pariser Verlegers Le Clerc führte und zu einer Einladung von besagten Virtuosen an Telemann, nach Paris zu kommen. Was angesichts der herausragenden Qualität dieser Kammermusik nicht verwundert.
Die Virtuosen waren seinerzeit die Monsieurs Michel Blavet , Flötist, Jean Pierre Guignon, Violinist, Jean Baptiste Antoine Forqueray le fils, Gambist, der Sohn des diable de la Viole Antoine Forqueray und der Cellist Eduard, alle gaben sich die Ehre den Herrn Capellmeister Telemann anno 1737 bis 1738 nach Paris einzuladen.
Das Cembalo spielte entweder, wenn nicht der Komponist selbst, Anne Marie Boucon, die Frau des Komponisten de Mondonville und eine Schülerin von keinem Geringeren wie Jean Philippe Rameau oder Marie Rose Dubois, die spätere Frau des Gambisten Forqueray le fils.
In Frankreich wusste man offensichtlich was schön ist und hatte einen Sinn für herausragende kompositorische Qualität.
Eben diesen erlesenen Zirkel an Interpreten hatte Telemann vor Augen und Ohren, als er in Paris an die Komposition seiner Nouveaux Quatuors ging während seines neunmonatigen Aufenthalts an der Seine.
Ein wenig von der exquisiten Salon-Athmosphäre des französischen Rokoko wird in dieser Musik lebendig, erst recht wenn diese dermaßen kundig und kraftvoll wieder zum Leben erweckt wird wie von den Mitgliedern des Ensembles Barockin.
Das sind Kozue Sato, Traversière, Dmitry Lepekhov, Violine, Pavel Serbin, Gambe, Felix Stross, Violoncello und bei den Six Quadri Robert Schröter Cembalo, bei den Nouveaux Quatuors übernimmt den Cembalo Part Veronika Brass und im letzten dieser Serie Giovanni Michelini.
Die Six Quadri sind unterteilt in zwei Concerti, wobei eines ein richtiges dreisätziges Concert Italien ist, das andere vor einem quirligen Finale zwei fast ouvertürenartige konzertierende dreiteilige Sätze umfasst. Darauf folgen zwei Sonate da chiesa und endlich zwei Suiten.
Der Einfallsreichtum dieser Quadri besticht und im Melos atmet teils schon vorklassisch empfindsamer Geist, während die Allegri der Sonaten meisterhafte Polyphonie zeigen.
Unglaublich delikat und fein ist der Interpretationsansatz von „Barockin“.
Hier kommen die Instrumente zum Singen und können all ihre Virtuosität entfalten.
Zauberhaft etwa der langsame Satz des zweiten Concerto mit Doppelgriffen der Gambe in einer Siciliano Melodie, die abwechselnd von Gambe, Traverso und Violine vorgetragen wird.
Duftig der Ton der Flöte, geschliffen derjenige der Geige, feinnasal und dennoch kraftvoll derjenige der Gambe, das Continuo Cello grundiert warmtönend und das Cembalo besticht mit schimmernden Akkorden und ziselierter Ornamentik. In den Tanzsätzen der beiden Suiten bestechen die gemessenen Gesten und der wunderbare Charme der Einfälle Monsieur Telemanns.
Einen Schritt weiter geht Telemann in den großangelegten sechssätzigen Suiten der Nouveaux Quatuors. Alle Tanzsätze sind nun Charakterstücke oder werden zu prachtvollen Variationen ausgebaut, welche die Suiten beschließen mit dem Höhepunkt der grandiosen Chaconne des sixième Quatuor. Eingangs stehen lebhafte Preludes, die teils konzertant gestaltet sind oder als Fuge, nur beim abschließenden Quartett gibt es eine französische Ouvertüre.
Es ist eine große Freude den Musikerinnen und Musikern von „Barockin“ zu lauschen. Sie treffen stets den richtigen Tonfall und das passende Tempo, modulieren Details plastisch heraus. Setzen Akzente mit Maß und Temperament zugleich.
Man könnte, wie einst Telemann, sagen: „wenn Worte zureichend wären,
die bewunderungswürdige Art der Ausführung der Virtuuosen zu beschreiben, so ständen sie hier.“
In dem Sog der Chaconne kann sich der Melomane verlieren. Und die elegante Melancholie mancher langsamer Sätze wie auch der Tanzvariationen der Finale des h-Moll und a-Moll Quatuors verzaubert, desgleichen die Rokoko-Heiterkeit der Dur Quatuors, die wie ein guter Champagner die Sinne belebt und zu erheitern vermag.
Das Leben ist ein Fest in dieser Musik!
Eine Aufnahme, die in jede anspruchsvolle Sammlung an Kammermusik gehört und diesen wohl schönsten Meisterwerken dieses Genres vor 1750 gebührende Referenz erweist.
Jean B. de Grammont

