



An einem nebligen Tag im grauen Winter in einer Kleinstadt am Bodensee träume ich gern bei einer Wiener Melange von Wien, genauer vom Wien zur Zeit Beethovens. Ungemein hilft mir bei meiner Tagträumerei eine Kollektion an Beethoven Aufnahmen des Labels CPO.
Selbst wenn es vor Ort kein echtes Wiener Caféhaus gibt kann dies gelingen. Allzulange war ich nicht mehr in Wien gewesen, leider! Entsprechend steigt die Sehnsucht an.
Der Musikvereinssaal etwa ist unvergleichlich schön und klingt formidable, selbst mit Händel statt Brahms, damals dirigiert vom unvergesslichen Nikolaus Harnoncourt und seinem legendären Concentus Musicus Wien und Gesangs-Solisten von Weltrang. Aber das ist schon eine Weile her.
Und wo sonst gibt es diese wunderbaren Café-Häuser, als in Wien. Von den Museen und historischen Kirchen und Palästen ganz zu schweigen.
Bisweilen ist es dort in Wien, als laufe noch Mozart, Haydn, Beethoven, ja Bruckner und Brahms durch die Gassen und war da gerade nicht ein Herr, der aussah wie Gustav Mahler, das war ja erst noch gestern gewesen, oder wie Stefan Zweig gesagt hätte, wie in der Welt von Gestern.
Heute kam endlich wieder die Sonne raus und ich schreibe weiter nach einer Zigarre Brahms zu Ehren am Gestade des Sees und dem Wiederanhören von Beethovens erstem und zweiten Klavierkonzert.
Bei CPO gibt es manche Trouvaillen zu entdecken. Voran vor allem just die Edition sämtlicher Klavierkonzerte Beethovens in einer Box mit drei CDs, gespielt auf Original-Flügeln von Conrad Graf und von Fritz Bayer und zudem an den Orten der Uraufführung der Werke, wie z.B. im Palais Lobkowitz.
Mehr Authentizität geht kaum. Gottlieb Wallisch an den Flügeln und Martin Haselböck am Pult des Originalklang-Orchesters der Wiener Akademie sorgen für eine treffliche Darbietung.
Freilich gibt es von den fünf großen Klavierkonzerten unendlich viele Aufnahmen, einige darunter mögen die vorliegende Einspielung noch übertreffen, aber der Reiz des Klanges von authentischen Flügeln und Instrumenten mit der Raumakustik zeichnet diese Version aus. Ausserdem ist hier die selten gespielte Fassung für Klavier -von Beethoven selbst übrigens bearbeitet- des Violinkonzerts vertreten.
In Konzerten werden diese Beethoven Schlachtrösser oft geboten, doch höchst selten werden sie mit alten Instrumenten zu hören sein.
Es überrascht der warme Klang des Orchesters, die feine Transparenz des Satzes, ja die Balance zwischen den farbenreichen Klängen des Flügels. Wie fein verweben hier Pianoforte und die Holzbläser. Und dennoch ist da auch die Wucht und das con brio Beethovens, der triumphale Sound von Trompeten und Pauken, der Sehnsuchtston der Waldhörner, der zeigt wie sehr Beethoven schon vom ersten Klavierkonzert an das Tor in Richtung Romantik aufstösst.
Von den Schönheiten aller Klavierkonzerte hier ausführlicher zu sprechen, hiesse Eulen nach Wien tragen. Diese Stücke sind allgemein bekannt und bedürfen keiner näheren Erörterung. Als ich vor Jahren einmal durch Nordböhmen vor allem auf Goethes Spuren reiste und auch Bad Teplitz wie Dux und viele Schlösser und Gärten, u.a. Schönhof besuchte, fand ich diese böhmische Landschaft durchaus in Beethovens großen Konzerten gespiegelt. Diese Weite und die unendlichen Wälder mögen für den Komponisten inspirierend gewesen sein.
Hinzu kommt noch ein Rondo Beethovens für Klavier und Orchester. Wer in die Klangwelt der Beethoven-Zeit eintauchen möchte, dem sei diese Aufnahme wärmstens empfohlen, als echte Alternative zu den allgemein gängigen Interpretationen, die man heute überall hören kann.
Nicht weniger gelungen ist die Box mit der Gesamtaufnahme der Bläserkammermusik Beethovens, wenngleich auf modernen konventionellen Instrumenten gespielt, aber dafür mit Dieter Klöckers Consortium Classicum, das lange Zeit Massstäbe für die sogenannte Harmoniemusik setzte. Eine echte Gelegenheit, einmal das komplette OEuvre kennen zu lernen.
Freilich darf hier das bekannte Septett nicht fehlen. Heute wird es einem nicht mehr geschehen, dass man bei einer Reise durch Böhmen, fahrenden Musikanten lauschen kann, die eben dieses Septett aufspielen, wie es uns Richard Wagner in seiner hübschen Erzählung „Eine Wallfahrt zu Beethoven“, geschildert hat.
Zum Glück kommt einem auch kein reicher fahrender Engländer in die Quere, der fortan -dank mühsamer Arbeit an belanglosen Galopps überhaupt erst finanziell möglich gewordenen Reise des Wallfahrers Wagner- immer wieder das Zusammentreffen in Wien mit dem verehrten Beethoven vereitelt, bis es dann doch endlich dazu kommt, aber zusammen mit dem Engländer, der aber schnell abgewimmelt werden kann.
Nein, auf den vier CDs können alle Melomanen ungestört dem echten Beethoven lauschen. Und neben den grösser besetzten Werken gibt es ebenso die Preziosen für kleine Besetzungen, zumeist aus Beethovens früher Zeit, zu entdecken. Etwa die Tanzsätze für zwei Flöten, oder die Duos für Klarinette und Fagott, die allesamt noch den Divertimento-Geist des 18. Jahrhunderts atmen.
Hinzu kommt ein zeitgenössisches Arrangement für Harmonie-Musik von Beethovens Fidelio, was wunderbar einige Höhepunkte dieser Oper satt mit Singstimmen nun mit Oboe, Klarinette und Fagott auf die Bühnenbretter bringt.
Ebenso die Variationen für zwei Oboen und Englischhorn über das herrliche Duett La ci darem la mano aus Mozarts Don Giovanni darf hier nicht fehlen. Das Oktett und das Sextett für Holzbläser in Es-Dur kommt hier ebenso klangprächtig und lebendig zur Geltung, ebenso wie das Rondino.
Eine weitere Preziose ist das Quintett für Oboe, 3 Hörner und Fagott, die sonst seltener zu hören ist, gleichsam ein dreisätziges Konzert für Harmonie-Musik.
Für Freunde der Tanzmusik bietet die Scheibe des L’Orfeo Barockorchesters unter Leitung von Michi Gaigg einen beschwingten Ausflug in die Ballsäle der Zeit Beethovens mit zahlreichen Kontretänzen und deutschen Tänzen wie Menuetten des Meisters. Darunter sind ebenso die sogenannten Mödlinger Tänze zu finden. In gewohnt flotten Tempi wird das in bester Original-Klang -Manier umgesetzt, so dass leicht Lust daran aufkommen kann, selbst das Tanzbein zu schwingen, eben zu bester Unterhaltungsmusik von Beethoven.
Eine Abrundung dieser schönen Aufnahmen bietet nicht zuletzt die Box mit insgesamt vier CDs mit der kompletten Theater-und Bühnenmusik Beethovens.
Hier sorgt die Capella Aquileia zusammen mit dem Czech Phiharmonic Choir of Brno unter der Stabführung von Marcus Bosch für eine lebendige Darbietung dieser teils selten gegebenen Theatermusiken. Darunter gleich zwei Bühnenstücken mit gesprochenen Dialogen eingerahmt zwischen Duette und Chöre auf ein Theaterstück von August von Kotzebue und nach Gedichten von Friedrich Schiller in gestraffter bearbeiteter Textversion.
Beide, sowohl Die Ruinen von Athen als König Stephan, das als reines Melodram gehalten ist, dienten einst als Einweihungsmusik zur Eröffnung des Theaters in Pest im Jahre 1812.
Zudem ist die höchst affektvolle Gedichtvertonung von Goethes Meeresstille und glückliche Fahrt für Chor und Orchester zu erleben und das Opferlied für Singstimme, Chor und Orchester auf ein Gedicht von Friedrich von Mathisson.
Als besonders gelungenes Beispiel für ein Melodram aus Beethovens Feder erweist sich die Bühnenmusik zu Goethes Trauerspiel Egmont. Hinzu treten diverse Ouvertüren wie die Cariolan, Die Weihe des Hauses und Zur Namensfeier wie nicht zuletzt das programmatische Schlachtengemälde Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria. Endlich darf die ausgedehnte Ballettmusik Die Geschöpfe des Prometheus nicht fehlen. Alle genannten Bühnenmusiken werden durchaus bravourös und mit dem entsprechenden Feuer gegeben. Gute Sprecher und Gesangssolisten stehen dabei Marcus Bosch zur Seite.
Insofern vermag diese Aufnahme insbesondere dem Theater-Begeisterten schöne Anregeungen geben und das Beethoven Bild um weitere Aspekte abrunden und vervollständigen.
Womöglich regt es den ein oder anderen an, einmal wieder nach Wien zu reisen und dort auf Beethovens Spuren zu wandeln.
Eine musikalische Einladung ist mit den genannten CPO Editionen auf jeden Fall ausgesprochen.
Jean B. de Grammont

