


Erfreulicherweise löst sich immer mehr Telemann als Komponist sakraler Musik aus dem langen Schatten seines Freundes und Kollegen Johann Sebastian Bach.
Entsprechend werden Telemanns größer besetzte geistliche Kantaten wieder öfter aufgeführt und auf Tonträgern eingespielt.
Das ist von Ausnahmen abgesehen erst seit etwa dreißig Jahren so. Angesichts des großen OEuvres Telemanns gerade im Bereich geistlicher Kantate ein langer Weg, der immer wieder neue überraschende Werke aus Telemanns zahlreichen unterschiedlichen Kantatenjahrgängen ans Licht bringt.
Hier sind erstaunliche Entdeckungen zu machen bei diesem lange zu Unrecht als oberflächlichen Vielschreiber und gegenüber Bach ausgespielten und getadelten Komponisten.
In der Tat hat Telemann in seinem langen Leben immens viel komponiert, doch darunter ist sehr große Qualität zu entdecken.
Gerade im Konzert des Freiburger Barockorchesters zusammen mit dem zwölfköpfigen Vokalensemble Vox Luminis unter Leitung von Lionel Meunier im Konzerthaus von Freiburg im Breisgau wurde dies wieder deutlich.
Drei Kantaten Telemanns aus dem Osterfestkreis erklangen aus seinem ersten vollständigen 1710 in Eisenach komponierten Kantatenjahrgang nach Poesien von Erdmann Neumeister dem „Geistlichen Singen und Spielen“ in Kombination mit Johann Sebastian Bachs lutherischer Missa brevis in G-Dur, die Ihrerseits auf eine Leipziger Eigenbearbeitung Bachs um 1730 verschiedener seiner Kantaten zurück geht.
Der frühe Kantatenjahrgang „Geistliches Singen und Spielen“ Telemanns und Neumeisters setzte Maßstäbe und war geradezu stilbildend in seinem Aufbau aus Chorälen, Chören bzw. Dicta, Rezitativen und Arien für die protestantische Kirchenmusik des Barock und im 18. Jahrhundert weit verbreitet. Gerade auch für Johann Sebastian Bach waren Telemanns Kantaten vorbildlich.
Umso erstaunlicher ist es, dass diese Musik in der gegenwärtigen Praxis bislang kaum zur Geltung kam. Allmählich erst werden die Quellen wieder erschlossen und ediert, dank der Telemann Renaissance.
Das FBO und Vox Luminis sorgte nun für eine Freiburger Erstaufführung.
Alle Kantaten des Konzerts sind besetzt mit Streichern, zwei Oboen und Fagott sowie Truhenorgel mit Ergänzung einer Basslaute im Basso Continuo.
Hinzu treten Chor und Solisten, die hier aus dem Vokalensemble besetzt waren.
In jeder der drei Kantaten fand Telemann eine andere gestalterische Lösung von großem Abwechslungsreichtum.
Eingangs stand die Kantate „Es ist das Heil uns kommen her“ zum Fastensonntag vor Ostern Septuagesimae.
Vom gleichnamigen Choral festlich eröffnet schließen sich Rezitative und zwei Da-Capo Arien für Tenor und Bass an, zuletzt schließt diese Kantate ein zweiteiliger festlicher Chor.
Mit fließenden Vokallinien gestaltete Vox Luminis von Lionel Meunier aus dem Ensemble heraus geleitet den prächtigen Eingangschoral.
Ein ausgedehntes dramatisch expressives Secco-Rezitativ von rhetorisch meisterhafter Wortausdeutung folgte, dann sponn der Tenor in einer tänzerisch theatralischen Arie mit wiegender Melodik des Orchesters den Faden weiter.
Nach einem weiteren Tenor-Rezitativ folgte eine kantabel schwungvolle Bass Arie und endlich krönte ein kunstvoll ausgearbeiteter Schlusschor das Werk.
Erst in einem homophonen Abschnitt mit Soli in hoher Lage mit der Betonung der Worte: „Aus Gnaden seid ihr selig worden“ schwebte der Chor geradezu filigran, um darauf in in einer kraftvollen rhetorisch trefflich gestalteten Fuge zu münden. Tenor Philippe Froeliger gestaltete flockig und schlank seine Partie. Desgleichen Bass Sebastian Myrus mit sonorer ausdrucksvoller Stimme.
Das kompakt besetzte FBO mit 11 Streichern und sich klanglich delikat hinzugesellendem Rohrblatt-Trio aus Oboen und Fagott begleitete schillernd und mit warmem Timbre und straffer Rhythmik in allen Werken Telemanns und Bachs.
Der Continuo Part wurde auf Truhenorgel und bei Telemann zusätzlich mit Laute sowohl von Torsten Johann als Pablo Fitzgerald akkurat gestaltet.
Geradezu nur aus Choralstrophen, einem Chor und Rezitativen aufgebaut ist Telemanns Kantate auf Palmsonntag „Nun kömmt die grosse Marterwoche“.
Ausdrucksvolle Streicher und Oboen-Linien begleiteten eingangs ein Sopran Dictum worauf sich ein, zu zuckenden Staccati der Streicher in Dissonanzen und harmonisch expressiven Linien, die Passio domini betrachtender Chor anschloss.
Daraufhin folgten bekannte Passionschoräle fein harmonisiert und zwischen stiller Verinnerlichung und trauriger Betrachtung bis klangvoller Zuversichtlichkeit im Wechsel mit Secco Rezitativen. Dieses Juwel einer Passionskantate wurde hier berührend gegeben.
Endlich schloss die Kantate zum zweiten Ostertag „Zween Jünger gehn nach Emmaus“ die Trias der Telemann Kantaten.
Mit einer klagenden Sinfonia in großer Geste das Geschehen einleitend, worauf ein erstes Tenor-Rezitativ vom traurigen Gang der Jünger nach Emmaus berichtete, begann die Osterkantate.
Ein pathetisch klagender Chor nahm das auf und wurde in feinsten Linien zelebriert.
Hierauf schloss eine Folge an vier Ariosi an, die stets dasselbe Thema fortspannen, anfangs lediglich vom Continuo begleitet, traten später die Streicher und Oboen hinzu und beim vierten Mal die Solo-Violine.
Erst vom Tenor, dann vom Alt, endlich vom Bass und schließlich wieder vom Alt vorgetragen, umsäumten diese Ariosi drei Dicta erst für Chor in einem prachtvollen Fugato, dann für Tenor und Streicher und wieder einen homophonen Chor, bevor die Kantate in einem feierlichen Choral mit sich anknüpfenden Amen Fugato abschloss.
Erika Tandiono Sopran und Sophia Faltas Alt gestalteten ihre Soli mit ansprechender Flexibilität und Ausdruck in der zweiten und dritten Kantate. Lionel Meunier und Vox Luminis wie das FBO erweckten diese drei bislang vernachlässigten und unbekannten Telemann Kantaten adäquat zu einer Musik von religiöser Tiefe, die Bachs Kantaten grundsätzlich nicht nachsteht.
In der wohlbekannten Missa brevis Johann Sebastian Bachs in G-Dur konnten dann Vox Luminis und das FBO in der arbeitsamen kontrapunktischen Vollstimmigkeit des Kyrie, dem himmelschwingenden Gloria im Gratias Bass-Solo, dem Sopran-Alt Duett des Domine Deus dem Tenor-Solo des Quoniam und dem feurigen Chorfinale des Cum Sancto Spiritu noch einmal ihr Können verdeutlichen und für barocke Sternstunden sorgen. Sternstunden zweier Meister der geistlichen Musik, eben Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach.
Jean B. de Grammont

