


Bereits Kronprinz Friedrich II von Preußen befolgte eine einfache Regel von Oscar Wilde avant la lettre als er seine Hofkapelle für Schloss Rheinsberg zusammen stellte „ich habe einen ganz einfachen Geschmack, ich bin immer mit dem Besten zufrieden“.
Erst recht als König konnte der später Friedrich der Große genannte dieser Maxime folgen.
Wen hatte der ausgezeichnet die Flûte traversière spielende und vortrefflich komponierende Monarch nicht alles um sich geschart?
Das waren Carl Philipp Emanuel Bach als Cembalist, Johann Joachim Quantz als Flötenlehrer und Compositeur und dann die Brüder Graun: namentlich Carl Heinrich als Hofkapellmeister und Johann Gottlieb als Violin-Konzertmeister und ebenfalls Komponisten.
Nicht zu vergessen, dass der König den alten Johann Sebastian Bach einlud.
Um Johann Gottlieb Graun soll es in diesem Beitrag gehen. Bei CPO sind eine Reihe schöner CDs erschienen, die Johann Gottlieb Graun als Meister der Sinfonie, des Concerto und der italienischen Kantate zeigen.
Machen wir den Anfang mit einer CD mit Instrumentalwerken Johann Gottlieb Grauns, die eine Sinfonia Grosso, zwei Violinkonzerte und ein Concerto für Viola da Gamba vereint.
Die Wiener Akademie unter Martin Haselböck nimmt sich mit ausgezeichneten Solisten dieser eleganten und ausdrucksvollen Musik zwischen Spätbarock, Empfindsamkeit und früher Klassik an.
Eine kraftvolle Sinfonia mit Streichorchester samt Holz- und Blechbläsern und Pauken in drei Sätzen eröffnet den Reigen. Schwungvoll und angemessen vorgetragen wird diese Preziose.
Zwei Violinkonzerte führen uns dann Graun als Meister seines Instruments, nämlich der Geige vor.
Schließlich lernte Graun bei keinen Geringeren als Johann Georg Pisendel und bei Giuseppe Tartini das Violinspiel. Beide Stücke sind großangelegte dreisätzige Streicher-Concerti nach dem weiterentwickelten Modell eines Vivaldi mit entsprechenden ausgedehnten Rahmensätzen in Ritornellform, die einen ausdrucksvollen langsamen Satz umschließen.
Ilja Korol spielt das expressive Concerto in d-Moll, Daniel Sepec dasjenige in A-Dur, was eher heitere Eleganz zeigt. Viel Virtuosität und Sanglichkeit auf der Geige vereinen die ausgedehnten Soli darin.
Sehr schätzte Johann Gottlieb Graun offensichtlich die Viola da Gamba. Da der Gambenvirtuose Ludwig Christian Hesse ein Mitglied der preußischen Hofkapelle war, komponierte Graun gut 5 Gambenkonzerte für ihn und dieses edle Instrument, was nach 1760 allmählich sich rar machte in der Musikpraxis.
Das ausgesprochen anspruchsvolle und alle Virtuosität der Gambe mit Doppelgriffen, ob nun mit Bariolage oder Arpeggien wie raschen Läufen in den Rahmensätzen demonstrierende Concerto in A-Dur von 1750 krönt diese CD. Während im Adagio enpfindsame Sanglichkeit Trumpf ist.
Mit warmem Timbre und schönster Klangkultur gestaltet Vittorio Ghielmi hier den Gambenpart. Eine ausgedehnte Solo-Kadenz, die bis in höchste Lagen wandert beschließt das heiter beschwingte Eingangs-Allegretto.
Weitere reiizvolle Concerti vereint eine weitere CD mit der Capella Academica Frankfurt und deren bewährten Solisten. Hierbei ist die Zuschreibung bei drei der Concerti nicht ganz sicher, ein Concerto für Traverso mit erster und zweiter Violine und Generalbass könnte auch vom Bruder Carl Heinrich Graun stammen. Desgleichen ein reizvolles Doppelkonzert für Flauto dolce und Violine in C-Dur, ferner dürfte das charmante Fagottkonzert in F-Dur eher von Christoph Graupner stammen, übrigens eines der wenigen Beiträge in dieser Besetzung, abgesehen von den zahlreichen Fagott-Concerti Vivaldis und dem Doppelkonzert Telemanns für Fagott und Flauto dolce wie einem Tripelkonzert desselben, das zwei Solo-Violinen mit Fagott kombiniert. Die unsichere Zuschreibung tut diesen Kompositionen keinen Abbruch, da es einfach beste unterhaltende Musik des Barock auf hohem Niveau ist.
Gesichert Johann Gottlieb Graun dagegen ist eine galante Streicher-Sinfonia in B-Dur und ein ausgesprochen meisterhaftes Doppelkonzert für Violine und Viola in c-Moll, das fast schon an Mozarts berühmte Sinfonia Concertante in eben dieser Besetzung denken lässt.
Solisten wie Karl Kaiser an der Traverso und Michael Schneider an der Blockflöte, ferner Petra Müllejans an Solo-Violine und Solo-Viola, die das Ensemble leitet, zusammen mit Swantje Hoffmann Solo-Violine und Christian Beuse Fagott sorgen für eine ansprechende Interpretation auf höchstem Niveau, was ebenfalls für das Ensemble gilt. Eine kurzweilige Reise in die höfische Musikwelt des Rokoko.
Gleichfalls eine Entdeckung und vielleicht der Höhepunkt ist die dritte CD der Johann Gottlieb Graun Collection bei CPO. Sie zeigt uns diesen Graun als Meister der italienischen Kammerkantate nach Poesien von Pietro Metastasio. Beide Kantaten für Sopran und Streichorchester zeichnen sich zudem aus durch einen sehr anspruchsvollen Part für Solo-Gambe, ebenfalls eine Reminiszenz an den besagten Gambisten Hesse.
Dass diese Diamanten entsprechend zum Leuchten kommen, dafür sorgt die außerordentlich feine und gelenkig strahlende Sopran-Stimme von Amanda Forsythe, eine Idealbesetzung für diese Musik. ( zu Amanda Forsythe siehe auf haute-culture-jdg.de weitere Rezensionen zu u.a. Telemanns Ino Kantate und Italienische Kammerkantaten von Händel, französischer Barock von Lully und Charpentier etc.)
Die erste Kantate „O Dio Fileno“ ist eher dramatisch angelegt mit blitzenden Arien im Seria Stil und einem gewichtigen Accompagnato Rezitativ das von zwei ausgedehnten Da-Capo Arien gerahmt wird. Das Stück beginnt gleich mit einem Secco Rezitativ und lässt eben auch der Gambe zahlreiche Soli und Dialoge mit der Singstimme. Die zweite Kantate Gia la sera ist mehr lyrisch poetisch und verzaubert gleich mit der schmelzend dahinfließenden Eingangs-Arie und bietet desgleichen viel Lyrik für die obligate Gambe, die zum kleinen Streichorchester tritt. Das Originalklang-Ensemble Opera Prima unter dem Gambisten Christiano Contadin gibt mit viel Klangkultur und schillernder Raffinesse eine ausgezeichnete Begleitung. Mit noblem Ton und großer Spielkultur bringt Christiano Contadin die Gambe zum singen.
Insbesondere auch in dem ausdrucksvollen Gambenkonzert in a-Moll, dass einen Gegenpart zum Dur Werk der ersten CD stellt, zeigt Christiano Contadin seine Kunst des Gambenspiels zwischen Melancholie und ausgeklügelter Virtuosität.
Johann Gottlieb Graun ist ein Komponist, der eine Entdeckung lohnt.
Jean B. de Grammont

