Antonio Vivaldis Oper L‘Olimpiade

Als Innsbrucker Festwochen-Überraschung des Jahres 2023 kam als letzte Produktion der Ägide Alessandro de Marchis das Dramma per Musica L‘Olimpiade von Antonio Vivaldi auf die Bühne.
Ein Live-Mitschnitt dieser Opern-Aufführung ist jetzt bei CPO erschienen.
Zusammen mit dem Innsbrucker Festwochen Orchester und einem ausgewählten Solisten-Ensemble sorgt Alessandro de Marchi für eine weitere Aufnahme dieser Vivaldi Vertonung eines auf Pietro Metastasio zurück gehenden Librettos, die im Teatro Sant’ Angelo zu Venedig anno 1734 Uraufführung feierte.

Vivaldi als Opernkomponist ist bereits seit Längerem wiederentdeckt worden.
Es gibt selbst von L‘Olimpiade mittlerweile durchaus eine Menge an Vergleichseinspielungen, die ich leider nicht kenne.
Aber allein von den renommierten Namen der Interpreten her, dürften diese anderen neueren Einspielungen -allesamt mit historischen Instrumenten- nicht ganz von schlechten Eltern sein. Hier mögen Vivaldi Kenner einen besseren Überblick haben.

Sicher ist, mit diesem Mitschnitt gibt es nun eine pulsierende und brillante Variante mehr.
Es wird vor allem ein Sängerfest der hohen Stimmen, zu Vivaldis Zeiten von Kastraten gesungen. Ein Tenor fehlt gänzlich in dieser Oper. In der Rolle der Aristea, der Geliebten des Megacle, erleben wir die Altistin Margherita Maria Sala mit wohltimbrierter Stimme wie koloraturensicher. Die Geliebte des Licida Argene übernimmt die Sopranistin Benedetta Mazzucato mit flockig klaren Linien. Als Aminta fungiert Eleonora Bellochi kristallen und beweglich.
Gleich zwei Countertenöre singen zwei weitere Partien, die des Licida des vermeintlichen Königs-Sohns von Kreta singt Bejun Meta mit seiner herbfeinen ausgesprochen gelenkigen Stimme, die seines Freundes Megacle mit kernigem Ausdruck übernimmt Raffaele Pe. Dafür sorgen dann Christian Senn als König Clistene von Sikyon und Luigi De Donato in der Rolle seines Vertrauten Clistene für entsprechend sonore Bass-Klänge.

Vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele, einer der Freunde des Königssohns tritt stellvertretend als Wettkämpfer an, entfaltet sich ein Ränkespiel der Liebesbeziehungen und Intrigen.
Freilich wird daneben zunächst das arkadische Landleben gefeiert. Nach einer kurzen dreisätzigen Ouvertüre mit typischen Vivaldi Rhythmen und schwungvoller Melodik treiben meist rasch fließende Secco-Rezitative die Handlung voran. Dazwischen stehen reizvolle, bisweilen fast leicht schematische Arien und im ersten Akt ein kurzer Hirtenchor mit rustikaler Melodik. Eine besonders gelungene Schlummer-Arie der Licida beeindruckt mit langgezogenen Haltetönen des Corno da caccia und zwar piano gespielt in der Begleitung des gedämpften Streichorchesters. Hier ist Vivaldi seiner Zeit voraus.
Ausdrucksvoll mit einem Accompagnato und einem sehr schönen lebendigen und facettenreichen Duett von Megacle und Aristea, das bereits Vivaldi Forscher Michael Talbot in seiner Komponisten Biografie als besonders gelungenes Muster für Vivaldis Duett-Kunst mit Recht hervorhebt, schließt der erste Teil der Oper.

Im zweiten Akt sei die lautmalerische Tauben-Arie der Aristea „Sta piangendo la tortorella“ hervorgehoben. Ebenso einige Rache-Arien gegen Ende wie diejenige der Licida.
Im dritten Akt kommt es zu einem lieto fine.
Nach einer ganzen Serie sich aneinander reihender Arien und Rezitative klingt das Dramma endlich in einem kurzen „Viva il figlio“
Chor freudig aus, dem sich in der vorliegenden Fassung eine instrumentale Sinfonia anschließt.

Das Orchester bringt zusätzlich im Basso Continuo eine Harfe mit ein, für weitere Klangfarben sorgen zwei colla parte mitlaufende Hörner in einigen Stücken, zudem Oboen und Fagott und im Hirtenchor zwei Flauti dolci.

Allessandro de Marchi treibt seine Sänger-Ensembles wie das Orchester an zu raschen affektgeladenen Tempi. Für Ruhepunkte sorgen ein paar Arien in langsamen Zeitmaß, die mit schöner kantabler Melodik, durchaus vergleichbar mit einigen langsamen Mittelsätzen der Concerti des Prete Rosso sind.

Freunde insbesondere der venezianischen Barock-Oper, Vivaldi Fans ohnehin, werden daran ihr piacere finden, das ist sicher.

Einziger Abstrich ist eventuell teils, das Bühnen- und Bewegungs-Geräusche der Sängerdarsteller hörbar sind und die neuerdings einbrechende Unsitte, dass ein Libretto lediglich als digitale App heruntergeladen werden muss, als gedrucktes Booklet wäre es handlicher. Dafür gefällt aber die kartonierte CD- Box besser wie die dicken sonst üblichen Kunstoffhüllen.

Jean B. de Grammont