


Beim Label CPO sind bei Antonio Vivaldi selbst unter älteren Aufnahmen Entdeckungen zu machen. Venezianischer Barock vom Feinsten ist das.
(Siehe unter dem Stichwort Vivaldi weitere Besprechungen auf haute-culture-jdg.de)
Freilich wird man mir beipflichten, dass die Quattro Stagioni (eben die berühmten Vier Jahreszeiten) des Prete Rosso keineswegs Raritäten sind. Das sind vielleicht fast die bekanntesten Violinkonzerte überhaupt.
So populär sind diese, dass Ausschnitte daraus in Liften gehobener Hotels erklingen oder irgendeinen Werbespot begleiten.
Angesichts solcher Penetranz fühlen sich wahre Kenner verständlicherweise genervt, wenn sie das schon wieder hören müssen! Obwohl es ja eigentlich wirklich schöne und genial erfundene Musik ist.
Ungezählte Aufnahmen sind von den Quattro Stagioni auf dem Markt, einfach weil jeder bedeutende Geigenvirtuose diese Stücke einmal gespielt und aufgenommen haben sollte.
Selbst von Vivaldis Jahreszeiten gibt es eine CD bei CPO (in weiteren Arrangements sogar noch eine) aber natürlich nicht eine Wiederholung der Wiederholung, sondern eine raffiniert instrumentierte Variante in der Manier des Dresdener Hoforchesters.
Bekanntlich wurde Vivaldi vom Orchestra di Dresda gerne aufgeführt und der Maestro komponierte eigens dafür Concerti und stand hier hoch im Kurs.
Hinzu kommen die viel seltener zu hörenden Quattro Stagioni dell’ Anno von Giovanni Guido, eines beim Duc d‘Orléons in Paris waltenden Geigers und Compositeurs, der sogar von Antoine Watteau zusammen mit anderen Musikern in einer Skizze festgehalten wurde. Und damit sind wir schon wieder im Bereich des ausgefallenen Repertoires, typisch CPO. Doch dazu später.
Dann gibt es eine CD mit weit weniger bekannten Concerti Vivaldis zu entdecken. Sechs Violin-Konzerte aus dem Konvolut für Vivaldis beste Schülerin an der Pieta, nämlich für Anna Maria, die wohl zudem des Komponisten Geliebte war.
Und nicht zuletzt wurde bereits vor über zwei Dezennien zur Renaissance der Opernkunst eines Vivaldi beigetragen mit der ersten vollständigen Einspielung mit historischen Instrumenten von dessen für Mantua
bestimmter Festoper Tito Manlio.
Sämtliche Concerti Vivaldis interpretiert der Geiger Federico Guglielmo zusammen mit seinem in kleiner Streicherbesetzung aufspielenden Originalklang Ensemble „L‘Arte dell‘ Arco“.
Bei den Jahreszeiten Concerti treten bei Primavera, Estate und Autunno entsprechende Bläser nach Art des Dresdener Hoforchesters hinzu. Einzig Inverno bleibt in der originalen Streicherfassung. Allerdings ist das keine etwa von Johann Georg Pisendel überlieferte Variante, sondern ein Arrangement Federico Guglielmos selbst, das aber überzeugend klingt.
Um das Programm der Jahreszeiten Vivaldis zu verstehen, lese man die den Sätzen zugrunde gelegten Sonnette dazu, möglicherweise Dichtungen des Compositore.
Also verstärken beim Frühling Hörner, Oboen und den Vogelgesang imitierende Flauti dolci den Streicherapparat eingangs wie beim Ausklang, namentlich des ländlichen Fests mit seinen Musette-Imitationen. Ein Fagott malt das Hundegebell des Hirtenhundes, der den schlummernden Hirten bewacht im Mittelsatz.
Im Sommer treten nur Flauti dolci hinzu und imitieren u.a. den Gesang des Kuckucks und Hitze und Mattigkeit erhalten Präsenz.
Im Herbst dürfen dann entsprechend in den schnellen Ecksätzen zwei Corni da Caccia Jagdstimmung suggerieren und es gibt verbunden mit der Weinlese Anlass für ein freudiges Fest.
Und der Winter bringt dissonante frostklirrende Staccati, behagliche Momente am flackernden Kamin und stürmische Winde wie gefährliches Eis in musikalisch packenden Bildern, die hier ausgezeichnet dargestellt werden.
Violinist Guglielmo lässt seine Barockgeige virtuos in teils waghalsigen, teils lyrischen Bögen brillieren. Sein Ensemble begleitet mit kraftvoller Verve und setzt den typischen Vivaldi Drive gekonnt in Szene. Das macht aus diesen Stagioni dann etwas Besonderes, so dass selbst vermeintlich „abgedroschene“ Werke einen neuen Affekt erhalten. Bukolik und Poesie der vier Jahreszeiten werden lebendig.
Guido Renis Scherzi Armonici sopra le Quattro Stagioni dell‘Anno sind in Paris entstanden und wohl tatsächlich eine künstlerische Reaktion auf Vivaldis Jahreszeiten aus dem Opus 8. Denn in Paris erschien anno 1725 ein Notenstich der insgesamt 12 Vivaldi Concerti des Opus 8 und erfreute sich hier großer Beliebtheit.
Allerdings schreibt Guido völlig anders geartete Concerts mit kurzen suitenartigen bunt instrumentierten Sätzen ganz in der französischen Manier, ebenfalls mit viel Tonmalerei, die genauso italienischen Sonetten folgen wie bei Antonio Vivaldi , wie es expressis verbis heißt. Ebenfalls eine reizvolle Musik ist das, vielleicht nicht ganz so genial wie Vivaldi, aber höchst originell.
Dem Frühling geht ein Sturm voraus, wie eine tempête aus einer französischen Oper der Zeit, hernach folgen galante Tänze mit viel Vogelgezwitscher und Bachgeplätscher, weitere pièces de charactère zeichnen eine Frühlingsnacht und ein air de trompette begrüßt die erwachende Natur.
Der Sommer besteht lediglich aus zwei Stücken einem chant des coucous und dem Bild eines gewaltigen Sturms.
Im Herbst darf gefeiert werden und die Jagd findet statt, hier schmettern Hörner und wie bei Vivaldi flieht ein Hirsch vor den Jägern und ihrer Meute.
Auch der Winter beginnt bei Guido mit fröstelnd zitternden dissonanten Staccati, freilich nicht ganz so kühn wie bei Vivaldi.
Eine Sturmmusik lässt endlich diese französisch italienischen Saisons Giovanni Guidos affektgeladen ausklingen.
Wieder ganz bei Vivaldis Concerti für Solo-Violine und Streicher landen wir bei den Werken für seine Schülerin Anna Maria. Deren Bogenstrich wurde bereits von den Zeitgenossen gerühmt. Sechs der für Anna Maria komponierte Concerti sind auf der CD vereint.
Ausdrucksvolle singende Largos und ein im Tempo zwischen Schnell und Langsam wechselnder Mittelsatz mit expressiver Harmonik wie ein kantables Adagio zeigen die ganze Poesie der Violine, während in den rhythmisch überbordenden Ritornell-Allegri die Geige teils mit Doppelgriffen und Bariolage und meist rasanten Passagen, funkelt und jubiliert, das es eine Freude ist.
Vier Konzerte in Dur-Tonarten und zwei in Moll geben eine Auswahl aus dem für Anna Maria von Vivaldi zugeschnittenen Repertoire. Von L‘Arte dell‘Arco und Federico Guiglielmo temperamentvoll und stilistisch adäquat umgesetzt.
Und endlich geht es mit Tito Manlio auf die Opernbühne zu einer Fürstenhochzeit nach Mantua, die eigentlich nicht stattfand. Die Oper wurde dennoch von Vivaldi daselbst 1719 aufgeführt.
Das in Florenz beheimatete Barockorchester Modo Antiquo unter Leitung von Federico Maria Sardelli hat diese Oper zusammen mit ausgezeichneten Gesangssolisten historisch informiert aufgenommen.
Eine Fede des römischen Konsuls Titus Manlius mit den aufständischen Latinern unter ihrem Anführer Geminio ist der Hintergrund der Handlung.
Titus Sohn Manlio fällt in Ungnade, ebenso Vitelia seine Tochter, denn der Sohn gehorcht nicht den Befehlen des Vaters, so wird er in den Kerker geworfen und zum Tode verurteilt.
Zu allem Überdruss gibt es ausgerechnet Liebesgefühle von Vitelia für Geminio den Anführer der Feinde und ein Hauptmann derselben Latiner Lucio hegt ebenfalls Gefühle für Vitelia. So entspinnen sich typische Ränke einer Barock-Oper, die für bewegte musikalische Affekte sorgen. Diese werden von Vivaldi mit viel Klangfarben ausgekostet.
Am Ende sorgt aber Geminio als Hauptmann der römischen Phalanx für ein lieto Fine, da er den Sohn des Manlius befreit, der Konsul Titus muss sich diesen Tatsachen fügen und schließlich liegen sich Servilia und Manlio in den Armen.
Nach einer kurzen schwungvollen Sinfonia geht es sogleich in den ersten Akt, Arie folgt auf Arie, die sich gleich wie an einer Perlenschnur zwischen Secco-Rezitative schieben. Konsul Titus erhält eine erste kriegerische Auftrittsarie mit rauschenden Streichern. Nach weiteren eleganten Streicher-Arien erhält die Auftrittsarie des Lucio mit schmetternden Hörnern passende Wortausdeutung. Selbst eine komische Rolle, die des Dieners Lindo, gibt es mit entsprechend komödiantischer Musik, die fast schon den viel späteren Buffo Bass Stil eines Rossini antizipiert.
Auch der zweite Akt enthält Arien mit brillanten Soli. Etwa die Arien des Lucio, eine Klagearie zu Beginn mit Solo-Oboe und Basso Continuo und diejenige des „Herzens-Kriegers“ mit funkelnder Solo-Trompete.
Dann das flockige Duett von Vitellia und Servilia mit kolorierender zu den Streichern tretender Flöte. Oder etwa die mit wilden Hornpartien geschmückte Bravur-Arie des Manlio.
Endlich bringt der dritte Akt vielleicht die beeindruckendste Musik des Dramas.
Gleich zu Beginn das Nacht und Schlummer-Arioso des eingekerkerten Manlio, eine mit pochenden Akkorden die düstere Athmosphäre schildernde Musik. Das von der empfindsam getönten Arie der Servilia mit einem silberglänzenden Viola d’amore Solo überhöht wird.
Dann treten kurz vor dem Finale gedämpfte Trompeten und Pauken hinzu in einer lugubren expressiven Sinfonia funebre.
Aber danach endlich wendet sich das Blatt und nach einer kurzen Triumpharie des Manlio bekennt Titus im abschließenden Rezitativ das sein Sohn nicht sterben soll, worauf ein feierlicher Schlusschor samt Trompeten und Pauken die Oper ausklingen lässt.
Federico Maria Sardelli holt zusammen mit seinem Originalklang-Ensemble Modo Antiquo das Beste aus Vivaldis Partitur mit geschliffenen Streichern und ausgezeichneten Instrumentalisten in den Holz-und Blechbläserstimmen.
Auch die Gesangs-Solisten mit teils hohen Stimmen in den Heldenrollen, gemäß der damaligen Gesangspraxis der Kastraten, hier allerdings nur mit einem Counter-Tenor besetzt, enttäuschen nicht.
Die Rolle des Titus singt Sergio Foresti mit kraftvollem Bass. Elisabeth Scholl trägt mit ausgefeilten Sopranlinien die Partie seines Sohnes Manlio. Nicky Kennedy bringt Lucio den latinischen Ritter mit klaren Koloraturen ins Spiel. Der wohltimbrierte Mezzo Rosa Dominguez verlebendigt Vitelia des Titus Tochter. Lucia Sciannimanicos Mezzo verleiht Servilia, der Schwester des Geminio warme Konturen, während Altus Thierry Gregoire dem römischen Kommandanten Decio kehlig gelenkigen Ausdruck gibt. Einen Tenor voller Schmelz zeigt Davide Livermore als Hauptmann der Latiner und endlich schlüpft Bruno Taddia sonor in die Buffo Partie des Dieners Lindo.
Zum Glück ist im Booklet der Aufnahme noch das vollständige Libretto abgedruckt! Das waren noch Zeiten damals!
Alles in allem ist das eine Vivaldi Auslese für Kenner des Prete Rosso und solche die es werden wollen.
Jean B. de Grammont

