Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach

Zu den bekanntesten Meisterwerken aus der Feder Johann Sebastian Bachs zählen zweifellos die Goldbergvariationen für Cembalo.
Erst um 1741 beim Verleger Balthasar Schmid in Nürnberg im Notenstich veröffentlicht, im Anschluss an die drei dort ebenfalls erschienenen Teile der Clavier-Übung, zählen sie zu den wenigen zu Lebzeiten Bachs veröffentlichten Werken.

Übrigens publizierte auch Bachs Freund und Kollege Telemann beim Verleger Schmid seine „Sechs Ouvertüren nebst zween Folgesätzen“ für Cembalo im selben Jahr und später gar einen kompletten Kantaten-Jahrgang, nämlich das Musikalische Lob Gottes und außerdem seine Johannes Passion von 1745.

Verbunden mit den Goldberg-Variationen ist eine hübsche Anekdote.
Johann Gottlieb Goldbergs musikalisches Talent wurde von Graf Keyserling, dem russischen Gesandten am Dresdner Hof, entdeckt.
Dieser schickte den jungen Goldberg zu Johann Sebastian Bach in die Lehre, Meister Bach unterrichtete Goldberg zusammen mit seinem Sohn Wilhelm Friedemann auf dem Cembalo. Soweit die historischen Fakten. Bachs erster Biograf Johann Nikolaus Forkel brachte folgende Geschichte ins Spiel, die schön erfunden ist, aber nicht den Tatsachen entspricht.

Graf Keyserling konnte oft nicht einschlafen und ließ sich deshalb von Goldberg auf dem Cembalo in schlaflosen Nächten vorspielen. Just dafür habe Bach seine Aria mit den 31 Variationen komponiert.
Tatsächlich haben diese überaus kunstvoll gesetzten Variationen eine wohltuende Wirkung auf das seelische Befinden ihrer Zuhörerschaft und dieser Musik wohnt ohne Frage ein großer meditativer Zauber inne.
Als ich einmal während meiner Bamberger Studienjahre kaum Einschlafen konnte, besann ich mich dieser hübschen Geschichte und erwarb eine Aufnahme der Goldberg Variationen mit Trevor Pinnock.
Und siehe da mir verhalf Bachs Musik wieder zur ersehnten Nachtruhe. Ich hörte den kompletten Variations-Zyklus bis zum Ende und danach war ich wunderbar müde und von einer wohltuenden Entspanntheit eingenommen, so das ich tatsächlich meinen Schlaf wiederfand. Dank sei Dir großer Meister Bach für diese Medizin!

Freilich gibt es etliche Aufnahmen der Goldbergvariationen.
Darunter solche auf dem Klavier und solche auf dem Cembalo, worüber bis heute sich die Geister scheiden mögen, so seien etwa als berühmte Varianten die Einspielungen Glenn Goulds oder diejenigen Gustav Leonhardts genannt.
Legendär sind beide auf ihre Art. Wobei ich mich gut an die Worte Leonhardts erinnere, als ich ihn anlässlich meines Besuchs im Jahr 2005 in seinem wunderschönen Grachtenpalais des Bartolotti Hauses in Amsterdam fragte, was er denn von seinem Kollegen Gould halte, Leonhardt verglich Goulds Spiel mit dem Gießen von Salzsäure auf eine gotische Madonnen-Skulptur aus Holz. Das ist ein drastisches Bild.
Zugegeben ich ziehe persönlich ebenfalls eine Deutung auf einem wohlklingenden Cembalo vor und Gould spielt mir einfach zu subjektiv.

Eine sehr gelungene neuere Aufnahme der Goldberg-Variationen hat unlängst der Cembalist Julien Wolfs beim Label Flora vorgelegt.

Das Booklet ist bibliophil gestaltet und zeigt Abbildungen des originalen Notenstichs und ein barockes Prunkmöbel mit Chinoiserien.

Julien Wolfs zählt zur jungen neuen Generation der Alte Musik Szene. Sein Spiel auf einem vorzüglichen Nachbau verschiedener deutscher Cembali der Zeit Bachs ist delikat und sehr lebendig. Bei Wolfs singt und seufzt das Tasteninstrument vom so kantablen Thema der Variationen an, es schimmert variantenreich in goldglänzenden Akkorden mit viel Expression.
So wird hier aus dem kunstvollen Variationszyklus eine zauberhafte Zeitreise zurück ins !8. Jahrhundert.

Etwa in einen aristokratischen Musik-Salon mit bemaltem Plafond und flackernden Mamorkamin.

Alle Variationen,, ob sie nun polyphone Motiv-Bälle einander zuspielen, das Thema mannigfaltig zerlegt wird, ob nun das hübsche Volkslied über Kraut und Rüben eingeflochten, oder plötzlich die Aria sich in eine pathetische französische Ouvertüre mit fugiertem Mittelteil verwandelt oder in einem Lamento-Adagio zelebriert wird, immerdar ist es ein Vergnügen hier zu lauschen und sich an der Kompositions-Kunst des großen Tastenvirtuosen Johann Sebastian Bach zu erfreuen, ja zu erbauen.
Eine Recreation und Ergötzung des Gemüts ist garantiert, erst recht bei dieser außergewöhnlich schönen Aufnahme.

Jean B. de Grammont