Johann Grabbe Il primo libro de madrigali

In der Preziosa Reihe des audiophilen Labels Darbringhaus und Grimm, die frühe LP-Aufnahmen von besonderer Qualität wieder als CD auflegt, ist ein gelungener Beitrag zur Madrigalkunst des frühen 17. Jahrhunderts erschienen.
Und zwar von Johann Grabbe, dessen Il Primo Libro di Madrigali, das bereits 1985 gesungen vom legendären Vokalensemble The Consort of Musicke unter Leitung von Anthony Rooley, aufgezeichnet wurde.

Johann Grabbe stammte aus einem protestantischen Pfarrhaus im westfälischen Lemgo und galt bereits als 11jähriger Knabe als Wunderkind, der bald als Orgelspieler und Komponist hervortrat. Zuerst fand Grabbe Aufnahme als Kapellknabe im Chor des Lippischen Grafen Simon VI. zu Brake.
Kein Wunder, dass Grabbe weiter vom Grafen gefördert wurde. Grabbe erhielt ein Reisestipendium nach Venedig, um daselbst bei keinem Geringeren als Giovanni Gabrieli, dem Organisten an San Marco die Kunst der Komposition zu vertiefen. Das erinnert an Grabbes Zeitgenossen Heinrich Schütz, der ebenfalls zeitgleich bei Gabrieli studierte und desgleichen sein erstes Madrigal-Buch auf Italienische Verse in Venedig publizierte.

(Zu Heinrich Schütz siehe auf haute-culture-jdg.de weitere CD-Reviews und zu Gabrieli den Konzertbericht Weihnachten in Venedig)

Später wechselte Grabbe als Gambist und zuerst als Vizekapellmeister in die Hofkapelle des kunstsinnigen Grafen Ernst III von Schaumburg -Lippe zu Bückeburg. Auch Heinrich Schütz führte vor Beginn des 30jährigen Krieges den Titel eines Kapellmeisters von Haus aus derer von Schaumburg Lippe. Eben dieser Krieg machte dieser höfischen Musikpflege dort leider bald ein Ende.

Das meist fünfstimmige Madrigal war um 1600 herum die Königsgattung vokaler Kammermusik.
Freuden und Leiden der Liebe, das arkadische Leben der Hirten und Nymphen wurde besungen. Man denke etwa an Luca Marenzios Madrigale, und vor allem an die berühmten Werke eines Claudio Monterverdi, dessen in 8 Büchern publizierte vokale Wunderwerke, teils mit begleitenden Instrumenten, einen Höhepunkt des Genre Madrigal bilden.

(Zu Claudio Monterverdi siehe auf haute-culture-jdg.de weitere CD Reviews etc.).

Auch bei Johann Grabbe liegen sämtlichen Madrigalen des 1609 erschienenen Buches italienische Verse zu Grunde, meist aus der Feder der damals beliebten Poeten Giovanni Battista Guarini und Gianbattista Marino wie von Torquato Tasso. Klangliche Delikatesse und ein Sinn für Details kennzeichnen die Interpretation des Consort of Musicke, dass mit der engelsgleich schwebenden Sopranstimme von Emma Kirkby mit Tessa Bonners ebenfalls lupenreinem Diskant, Mary Nichols wohldosiertem Alt, den schlankfiligranen Tenören von Andrew King und Rufus Müller und dem sonoren Bass von Richard Wistreich bestens besetzt ist. Hier sind diese Preziosen der Madrigalkunst in besten Händen.
Viele Details überraschen in der Deklamation der Texte in der Vertonung Grabbes, ob es nun Dissonanzen sind oder andere expressive Wortausdeutungen und Hervorhebungen einzelner Abschnitte dieser bilderreichen lautmalerischen Lyrik des Manierismus.
Johann Grabbes kompositorisches Vermächtnis ist weitgehend den zeitlichen Verhängnissen zum Opfer gefallen. Das ist höchst bedauerlich, denn wie diese Interpretation verdeutlicht, haben wir hier wirklich einen respektablen Meister vor uns, der auf seine Weise mit Scheidt, Schein und Schütz wie mit Gabrieli, Marenzio und Monteverdi mithalten konnte.

Jean B. de Grammont