
Endlich liegt Georg Philipp Telemanns Oper „Sieg der Schönheit“ oder „Gensericus“ als Weltpremiere auf Tonträger vor, dank des insbesondere auch um Telemann verdienten Labels CPO und der Magdeburger Telemann Festtage.
Damit schließt sich fast ein Kreis der relativ jungen Telemann Renaissance, die etwa in den 1920er Jahren begonnen hatte und von Ausnahmen abgesehen erst seit gut 60 Jahren interpretatorisch musikalische Früchte trägt.
Indes fehlt nur noch ausgerechnet eine seine bedeutendsten erhaltenen Opern auf CD, nämlich das Singspiel „Emma und Eginhard“.
Gleich diesem haben wir es beim „Sieg der Schönheit“ mit einem durchgehend deutschsprachigen Libretto zu tun, so wie bei wenigen anderen von Telemanns Opern.
Zugegeben, so richtig durchgesetzt hat sich Telemann nach wie vor nicht als Opernkomponist im allgemeinen Spielbetrieb. Einmal vielleicht abgesehen vom geistvoll quirligen komischen Intermezzo Pimpinone.
Aber ob sie es nun glauben oder nicht Telemann ist ein Meister der Oper, sie müssen nur einmal die wenigen guten bis sehr guten Aufnahmen seiner bislang eingespielten Opern anhören!
(Auf haute-culture-jdg.de gibt es bereits eine Besprechung von Pimpinone, ein weiteres Review zu verschiedenen CPO Enspielungen von Telemann Opern ist geplant).
Diese Zurückhaltung im Opernbetrieb liegt keinesfalls an Telemanns Musik, die freilich eine feinfühlige und raffinierte Aufführung braucht mit gutem Sängerensemble und möglichst einem historisch informiert aufspielendem Orchester.
Meist setzt der Opernbetrieb der großen Häuser im Allgemeinen auf Mainstream.
Immerhin haben es ja Vivaldi und Händel mit ihren Opern schon seit längerem geschafft wieder in erster Reihe zu singen. In Frankreich wie im französischen Kulturkreis hat längst eine verdienstvolle Renaissance der Opern von u. a. Lully und Rameau wieder eingesetzt. Warum also nicht Telemann?
Meines Erachtens sind Telemanns Opern sogar in Sachen Progressivität der musikalischen Sprache und Charakterisierungskunst wie in der Vielfältigkeit ihrer Instrumentation denjenigen Händels und Vivaldis ebenbürtig und sogar eine Spur voraus.
Das zeigt sich insbesondere auch beim „Sieg der Schönheit“.
Die Handlung dieser Opera buffa nach einem, auf venezianischen Vorbildern beruhenden, Libretto von Christian Heinrich Postel kreist um den Sturm der Vandalen auf Rom unter Heerführer Gensericus. Bald sind die Römer bezwungen, aber die Geheimwaffe des Populus Romanorum bleiben die schönen Frauen aus dem Umfeld des gestürzten Imperators.
Hier entspinnen sich bald zarte Liebesbande und Ränke wie Eifersüchteleien. Eine Handlung ganz nach dem Zeitgeschmack des Barock.
Da sind mit Eudoxia als Kaiser Maximins Witwe, Placidia deren Tochter, dann Pulcheria und Melite
die Römerinnen mit sprechenden Namen vertreten, hinzu kommt der vornehme Römer Olybrius. Mit dem Vandalen-König Gensericus und seinen Gefolgsleuten, darunter dessen Diener Turpino als komische Figur, dann Honericus, Helmiges und Trasimundus stehen die dramatis personea der Gegenseite gegenüber.
Alles Andere als musikalischer Vandalismus ist hingegen die Partitur Telemanns. Hier erklingt die einzig überlieferte Braunschweiger Fassung von 1728, die an der dortigen Hofoper aufgeführt wurde, mit ein paar Kürzungen.
Ursprünglich gab Telemann mit dieser Oper sein Entree an der Hamburger Oper am Gänsemarkt. Der Meister schöpfte in diesem Bühnenwerk musikalisch aus dem Vollen.
Allein das zur Disposition stehende Barockorchester überrascht mit allen denkbaren Klangfarben. Neben den Streichern und einem mit Theorbe, Erzlaute wie Barockgitarre zusätzlich zu Truhenorgel und Cembalo grundiertem Generalbass, treten Trompeten und Pauken in verschiedenen prunkvollen Chorsätzen, es gibt eine Arie mit funkelnder Solo-Trompete, des weiteren werden Waldhörner entweder paarweise schmetternd oder kantabel solistisch eingesetzt, dann treten hinzu Oboen, Oboen d‘amore, Traversflöten, Fagotte, Flauti dolci, und teils konzertierende Violinen.
Die an Telemann Erfahrung reiche Akademie für Alte Musik Berlin setzt diese an Affekten überbordende Musik klangprächtig um und agiert weitgehend auf hohem Niveau, dank Michael Hofstetters rasche Tempi und straffe Rhythmen bevorzugenden, aber ebenso für Ruhepunkte sorgenden Dirigats. Neben den Chören gibt es zahlreiche brillante Duette, Da-Capo Arien und Cavatinen verschiedenster Stilistik, dann dramatisch aufgeladene Accompagnati und quicklebendige Secco-Rezitative. Unter den Ballettmusiken sticht eine Chaconne der Planeten hervor.
Es ist eine prallvolle, sehr mitreißende, ausgesprochen abwechslungsreiche Barock-Oper. Italienischer und französischer goût mischen sich in verschiedenen Stil-Lagen, während insbesondere in den komischen Arien des Turpino der polnisch hanakische Stil wie geradezu ein populäres Gassenhauer-Melos zur Geltung kommt, das fast schon an entsprechende Rollen aus .Mozarts bekannten Wiener Singspielen denken lässt.
Die Gesangsinterpreten der Aufnahme sind durchaus gut mit kleinen Abstrichen. Einen vor allen anderen hervorragenden Star gibt es dabei aber weniger.
Lydia Teuschers feinkolorieter Sopran steht der Partie der Eudoxia ausgezeichnet. Sunhae Im gibt der Placidia silberhelle Konturen mit leicht asiatischem Akzent bisweilen. Pulcheria ist mit Anna Willerdings Sopran ansprechend besetzt. Emilie Renards Mezzosopran leuchtet warmtimbriert in der Rolle der Melite, während Marko Pantelios honorabler Bariton den Olybrius kennzeichnet. Auf Seiten der Wenden singt Doninik Könninger den Gensericus mit treffendem Ausdruck und kraftvoller Kehle. Honoricus wird von Countertenor Terry Wey feinkehlig gestaltet. Tenorale schlanke Linien kräuselt Ludwig Obst als Helmiges. Johannes Stermanns wohlsonorer Bass macht Trasimundus lebendig, während endlich Dietrich Henschel Turpinus lustig polternde Diener-Rolle mit seinen witzigen Kommentaren glaubhaft verkörpert.
(Leider ist das Libretto wieder nur als downzuladende App zu haben. Die Box mit den eingelegten drei CDs im Papierhemdchen ist ansprechender wie eine reine Kunststoffkiste)
Im dritten Akt häufen sich kurz vor dem Finale sehnsüchtig melancholische Arien, wie diejenige der Pulcheria „Komm, sehnliches Sterben“ mit sordinierten Streichern und Solo-Oboe d‘amore oder die des Honoricus mit Solo-Fagott und Continuo, die viel Ausdruck und teils ein ungewöhnliches, fast vorklassisches Melos zeigen. Endlich gibt es vor dem jubelnden Schlusschor ein glückliches Liebesduett von Eudoxia und Gensericus, hier schwelgen die Sologeigen und entsprechend jubiliert das Paar in schönsten Kantilenen.
Wer Barockoper liebt, sollte sich auf gut knapp zweidreiviertel Stunden abwechslungsreiches Hörvergnügen in drei Akten einlassen. Es ist eine echte Entdeckung.
Jean B. de Grammont

