











Bereits Mark Twain stellte noch zu Glanzzeiten eines großen Kurbades in Baden fest, dass nicht alles so glänzt wie es scheint. Wenigstens waren das noch etwas bessere Zeiten wie heute. Allerdings war auch damals schon die eigentliche Glanzzeit vorbei, denn nach 1871 endete die Ära der französischen Gäste.
Und damit war’s auf gut teutonische Art vorbei mit dem Welten-Glanz von einst, selbst das Glücksspiel wurde verboten.
Auch wenn heute wieder die Capitale d‘été beschworen wird von einem Konzert-Veranstalter im Würfel, versteckt hinter einem einstigen Fürstenbahnhof.
Aktuell allerdings glänzt nur noch das falsche Gold auf den Klobürsten des wohl besten Hotels dieses Orts, oder sehen wir das falsch?
Es gab ja so einige Kapriolen in letzter Zeit., hier nur in Nuce ein paar aus dem Hause des ersten Bourgois des bain du monde et demi monde.
Etwa eine gemergelte Anleiterin der städtischen Verwaltung, die vor lauter Begeisterung die Schranke hinter dem Kurhaus fast unbemerkt umfuhr, ohne alkoholisiert zu sein (Es gibt einen Augenzeugen) und sich vorsichtshalber in ihr Büro entfernte, oder war es doch eine Dienstreise nach Paris, um das Welterbe zu sichern. Immerhin eine Leistung der Extraklasse?!
Dann folgte ein exzellent lieber Mann, der sich aus dem stürmenden Mückendorf in die Weltdomäne begab, dank intensiver Bemühungen eines bajuwarischen Wirts,
was letztlich in einigen Schlenkern endete, die zu einem fröhlichen Ausklang des Sesselinhabers führten, mit grabessicherer Pension.
Wenigstens gibt es ja wieder einen neuen Leiter der städtischen Verwaltung, dem aufgrund seines nicht ausgeprägten Haarwuchses vor lauter Sorgen die Haare gar nicht mehr ausfallen können.
Ihm kann man nur viel Glück beim Spiel wünschen, ob es nun Poker, Black Jack oder Roulette ist. Dostojewski stehe ihm bei! Oder lieber Bill mit Vitamin C? Und dem richtigen Ton.
Freilich mit der Abgabe der Amtskette in das Städtische Museum ist es nicht getan, vor allem wenn es eh am Ende geschlossen wird. Oder eben noch nicht?
Welch ein Wandel in der Welt und im Weltbad! Welterbe sterbe! Aber sterbe langsam! Ob noch Würde vorhanden ist weiß ich nicht zu sagen.
Nun ja die Pferde galoppieren wieder beim Frühlingsmeeting zu Iffelzheim und die Löwen des großen Peter spenden vielleicht ein wenig was für die leeren Stadtkassen. Die Herren tragen Chapeau Claque, die Damen schöne Hüte. Voilá c‘est joli.
Lang ist es her, dass ich im königlichen Krakau einer Badener roten Baronesse für dies Ereignis das richtige Hutmodell empfahl, da sie meinte ich habe doch einen guten Geschmack. Am Ende nahmen wir zwei, doppelt hält besser.
Indes werden alte Baumriesen gefällt und die Müllberge wachsen in den Parks und Gärten, die immer noch blühen, als wäre nichts gewesen. Fassaden werden erhalten und gereinigt. Das war schon bei Potjemkin so!
Sogar das Theater gibt es noch, ja das Gebäude zumindest, noch wird auf der Bühne gespielt.
Das tägliche Theater spielen die Statisten und das Festspielhaus wartet weiterhin auf hockulturelle Gäste mit entsprechenden Taschen. Ja freilich!
Und im Casino dreht sich das Roulette bis rien ne va plus. Russisches Roulette im übertragenen Sinne ist allerdings seit ein paar Jahren weniger en vogue wie früher, das ist sehr schade. Indes dürfte es mehr Fälle des russischen Roulettes im eigentlichen Sinne geben, vor allem unter den Geschäftsleuten vor Ort.
Nun ja so können deutsche Immobilien Löwen ihr Portefeuille an schönen Häusern erweitern.
Der Champagner strömt weiter bei denen, die es sich leisten können.
Aber Vorsicht! Die entsprechenden Geschäfte gibt es immer weniger. Hermès hat seine Filiale aufgegeben. Die besseren Schuhgeschäfte gibt es nicht mehr. Desgleichen Herren und Damen-Ausststatter. Außer einem alteingesessenen Maß-Schuhladen. Also halten Sie Mass in allen Lebenslagen. Immerhin hat das was für sich.
Wohin aber zum Shopping in the city?
Dafür öffnen immer mehr 5 Sterne Häuser nach kompletter Renovierung. 4 Sterne Hotels streben nach Oben. Nur wo bleiben die Gäste?! Dafür hängen mehr Stiche wie Ölgemälde an Rezeption wie in den Fluren. Auch hier wird Kultur liquidiert anscheinend.
Außer Horden von fernöstlichen, spanischen und amerikanischen Reisegruppen, die mit Bussen ankommen und verschwinden, am späten Vormittag an den Kolonaden war unlängst kein Mensch unterwegs bei schönem Wetter am Samstag. Auch vor dem Kurhaus nicht. Wie anders war es noch als Turgeniev seinen Roman Dim, Rauch schrieb. Heute geht fast alles in Rauch auf. Weniger Zigarren-Rauch leider.
Der Staub der Parvenüs, die immerhin die aktuellen Luxusport-Wagen mit schwäbischem statt englischen Motor kaufen können, in Designs die nach dem Drogen-Rausch der Kuriere, die sie meist bewegen entstanden zu sein scheinen.
Also es geht wenigstens schnell voran in allen Varianten.
Es wäre eigentlich das Beste, man machte einen großen Zaun um das Welterbe-Bad und verlangt Eintritt zur Besichtigung. Eine seltene Sammlung an ausgefallenen Exemplaren der Spezies homo sapiens teutonicus ist unter den Ureingeborenen zu besichtigen und auch unter manchen dorthin gezogenen Personen mit artistischer Ader. Unterwürfig waren diese Eingeborenen schon zu Mark Twains Zeiten, heute ist es gar nicht mehr nötig ein russischer Großfürst zu sein oder ein solcher zu scheinen. Selbst die Villa des Fürsten Menschikov steht zum Verkauf. Nun ja es reicht heute die Platinkredit-Karte.
Und sie werden bestens bedient. Nun ist Kostümtreffen angesagt, um das Welterbe zu feiern. Das Wasser der Trinkhalle wird schon lange nicht mehr ausgeschenkt, so dass die Ansage: wie beliebe, nicht mehr gestellt wird. Man gibt eh nix mehr.
Immerhin ist Baden-Baden ein Sammelbecken der Parvenüs jeder Couleur geblieben, mehr wie zuvor wandeln herum und zeigen was sie alles haben.
Damit diese sich wohlfühlen gibt es immer wieder nette Austellungen plein Air. In der Kunsthalle heißt es seit Jahren Vorsicht Kunst und selbst bei Burda setzt man seit dem Tod des Doyens nur noch ab und an auf klassische Werte.
Es wird für Abwechslung gesorgt. Heiter sei der Mensch, reich und nicht nur gut!
Wenn Sie ein Weltbad sehen wollen, kurz vor dem Untergang kommen Sie nach Baden-Baden!
Einen Vorteil hat es, im Gegensatz zur Titanic können sie diesen in historischer Größe untergehenden Ort jederzeit wieder verlassen.
Bevor sie sich übergeben müssen.
Vergessen Sie bitte nicht die Mülltüte oder eine Spuktüte. Nicht in die Anlagen werfen bitte! Es könnte die umgestimmt ungestimmten Philharmoniker treffen, solange die nicht auf Tour sind mit großen Stimmen oder aufgelöst werden.
Also nehmen Sie am besten ihr Privatjet oder meinetwegen den gepanzerten Bi-Turbo V12 oder V8 oder einen Doppel E- Sportscar und heben sie ab, rasen Sie davon und vermeiden Sie waghalsige Bruchlandungen oder Kontakt mit der Leitplanke. In der Kurstadt gibt es zu viele Kurpfuscher, suchen Sie lieber das Weite! Denn hier wird schlecht geflickt und schon lange nicht mehr horizontal gebohrt. Honi soi qui mal y pense.
Adieu capitale d‘été.
Jean B. de Grammont

