Das CD Label CPO ist unter Kennern und Liebhabern der alten und klassischen Musik eine wahre Schatztruhe für besondere Aufnahmen.
Es ist eine echte Fundgrube für Ersteinspielungen wenig bekannter Werke, die im allgemeinen Konzertleben, außer auf speziellen Festivals, kaum aufgeführt werden. Das kam und kommt vielen Komponisten von der Renaissance bis in die Moderne zu Gute.
Unter den Barockmeistern profitierte davon insbesondere Georg Philipp Telemann. Ohne die Aufnahmen von CPO wäre das OEuvre dieses Meisters in seiner Vielfalt nach wie vor kaum bekannt.
Ein kleiner Querschnitt verschiedener Aufnahmen der letzten gut 26 Jahre sei hier empfohlen.
Einige der beteiligten Dirigenten sind mittlerweile verstorben. Darunter der Cembalist Ludger Remy und der Dirigent Wolfgang Helbich.
Wolfgang Helbich führte in einem Festkonzert zu Ehren eines hohen runden Geburtstags des ebenfalls längst verstorbenen Telemann-Forschers Willi Maertens zusammen mit dem Alsfelder Vokalensemble und dem Barockorchester Bremen die große Festmusik Telemanns zur Zentenar-Feier der Hamburger Admiralität auf. Eines jener Gelegenheits-Werke Telemanns von 1723, die von der musikalischen Qualität und der kompositorischen Fantasie und dem Farbenreichtum des Orchesters her, recht eigentlich zu seinen Meisterwerken zu rechnen ist und hier in einem Mitschnitt erlebt werden kann. Bislang ist es die einzige Aufnahme dieser Festkantate, die musikalisch etwa den vergleichbaren weltlichen Festmusiken eines Johann Sebastian Bach nicht nachsteht.
Nur die Ouvertüren-Suite Hamburger Ebb und Flut, die als einleitende Tafel-Musik zum Festmahl der Admiralität diente und entzückende Programm-Musik enthält ist recht häufig aufgenommen worden. Auch hier steht die Suite voran.
Große hymnische Chorsätze, ausgedehnte Arien und Ensembles allegorischer dramatis personae lassen teilhaben an einem rauschenden Fest des Barock, wobei der Schluss-Chor eine Hymne auf Hamburg anstimmt. Es lohnt unbedingt das festliche Werk anzuhören. Die Gesangssolisten gehören zu den besten der Zeit der Aufnahme für Barockmusik.
Eine weitere Einspielung widmet sich einem bedeutenden Spätwerk. Ludger Remy nahm als erster Telemanns Vertonung verschiedener Gesänge von Klopstocks Messiade mit Original-Instrumenten zusammen mit vorzüglichen Gesangs-Solisten auf. Bis heute gibt es lediglich drei Aufnahmen von Telemanns Messias, wovon nur zwei historisch informiert sind. Remy und sein Ensemble das Telemannische Collegium Michaelstein sowie die Vokalsolisten treffen den empfindsamen Tonfall dieser Musik bestens. Telemann erweist sich hier als experimenteller Komponist, der die Hexameter der Dichtung Klopstocks in einer Folge aus Ariosi, Rezitativen (Secco und Accompagnato) und Intrumentalsätzen unterbringt, die eine Melange aus dem französischen und frühklassischen Stil bilden. Eine Musik, die nahtlos ineinander übergeht. Insbesondere im zweiten Teil, dem Wechselgesang zwischen Miriam und Debora, wird die jetzt eher italienisch geprägte Musik noch lyrischer und kantabler. Telemann erfindet hier eine moderne vorklassisch empfindsame Musik, welche die Tradition miteinbezieht, aber teils schon etwas nach Mozart, Haydn und besonders Carl Philipp Emanuel Bach klingt. Eine sehr hörenswerte Aufnahme ist das, ergänzt mit ein paar Instrumental-Stücken aus Telemanns Schaffenzeit zwischen 1710 und 1720 etwa.
Dazu passt sehr gut die Aufnahme später Telemann Kantaten zum Osterfestkreis, zweier Vertonungen des Veni sancte spiritus desselben wie einer Osterkantate Carl Philipp Emanuel Bachs aus dem Jahr 1756, die von Telemann in Hamburg aufgeführt und um zwei Choräle ergänzt wurde. Eingespielt von der Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert als namhaften Solisten unter Leitung des um Telemann besonders verdienten Hermann Max während der Magdeburger Telemann Festtage 2014.
Besonders kühne und expressive Musik bieten die Eingangschöre der Telemann Kantaten.
In ihrem Impetus und Schwung nehmen sie beinahe bereits den Furor eines Beethoven auf. Kabinettstücke sind die zwischen Vorklassik und Empfindsamkeit angesiedelten Arien und Duette in Telemanns Festkantaten auf Ostern und Himmelfahrt von 1760 und 1762. Prächtige Musik bieten die beiden lateinischen Stücke, sie enthalten schönste Chormusik und solistische Abschnitte zusammen mit dem Glanz von Trompeten und Pauken.
Carl Philipp Emanuel Bachs Osterkantate steht in ihrer Qualität nicht nach. Diese Musik hat mit den Kirchenstücken des Vaters Johann Sebastian nicht mehr viel zu tun. Der Eingangschor schwingt sich festlich homophon empor, statt kontrapunktisch verflochten zu sein und die Arien besitzen echt vorklassisches Melos.
Eine lohnenswerte CD, die mit der modernen evangelischen Kirchenmusik um 1760 bekannt macht.
Zu Telemanns Amtspflichten in Hamburg gehörte es zu den jährlichen Feiern des Stadtmilitärs zweiteilige Festmusiken zu schreiben. Diese sogenannten Bürgerkapitänsmusiken setzen sich zusammen aus einem Oratorium und einer Jubelmusik zum Festmahl der Offiziere des Stadtmilitärs. Die Bürgerkapitänsmusik von 1755 hat Michael Schneider zusammen mit dem Barockorchester La Stagione und namhaften Gesangssolisten für CPO eingespielt.
Der Einleitungschor des Oratoriums besticht mit begleitendem Jubel duftiger Traversflöten, die Arien sind unterhaltsam und mit melodischem Charme komponiert. Militärisch wird es im zweiten Teil. Trommeln und Pikkoloflöten begleiten marschartige Chöre und auf die Tugenden wehrhafter Bürger wird mit schmetterndem Blech hingewiesen. Besonders lautmalerisch erweist sich eine Arie, die das warnende Geschnatter der Enten bei Nahen des Feindes schildert. Hier ist der Tonmaler Telemann ganz in seinem Element. Ein Stück klingender Geschichte wird lebendig.
Telemanns vielfältige Kammermusik gehört mit zum Besten was in der Barockzeit in diesem Genre entstanden ist. Insbesondere beschäftigte sich Telemann mit der Gattung der Trio-Sonate. Das Ensemble Parnassi Musici hat eine Serie aus 6 Trios für zwei Violinen und Generalbass zudem ein Quadro und zwei weitere Trios in der Kombination aus Violine und Fagott eingespielt für CPO. Den Fagottpart übernimmt Sergio Azzolini.
Die Trios für Geigen stehen ganz in der Nachfolge Arcangelo Corellis, es sind aber nicht die Sonates Corellisantes von 1735, sondern viel früher entstandene Sonaten wohl aus Telemanns Frankfurter Zeit nach 1712, die lediglich in einer Abschrift überliefert sind. Klangschön wird auf Barockviolinen und mit gebotener Eleganz diese feinsinnige Kammermusik verlebendigt. In den weiteren Stücken mischt sich der sonore Klang des Barockfagotts stimmig mit der Geige. Eine CD für Freunde wenig bekannter Kammermusik. Sehr empfohlen sei auch die CPO Aufnahme von Telemanns Trietti metodici und Scherzi durch Parnassi Musici.
Besonders vielfältig sind Telemanns Ouvertüren-Suiten. Drei mustergültige Suiten verschiedener Art hat das L‘Orfeo Barockorchester unter Leitung der Flötistin und Oboistin Karin van Heerden für CPO aufgenommen. Voran steht die bukolisch idyllische Suite für Flauto pastorale, hier mit hohem Flautino besetzt. Von diesem Werk gibt es meines Wissens sonst keine Aufnahme. Es ist ein heiteres Divertissement des Rokoko mit Anmut und Charme musiziert. Man lausche nur den Echo-Effekten in einem Menuett-Trio und überhaupt den Soli des Flautino, die Vogelgesänge zu imitieren scheinen.
Viel bekannter ist die großangelegte und insgesamt noch kunstvollere Suite mit konzertierender Flauto dolce. Ein Meisterwerk, das schon oft aufgenommen wurde. Auch hier gelingt eine charaktervolle Deutung.
Nur im Kontext von Telemanns großartiger Oper „Orpheus oder die wunderbare Beständigkeit der Liebe“ ist bislang die dritte Ouvertürensuite bekannt geworden. Peter Huth, der diese unvollständige Oper ergänzt und herausgegeben hat, verwendet die Ouvertüre daraus und eine Polonaise für Telemanns Orpheus. Erfreulich ist hier einmal die komplette Suite kennenlernen zu können. Ein französisches Trio aus zwei Oboen und Fagott ergänzt das Streichorchester.
Telemann komponierte gleich zwei komplette Geistliche Kammerkantaten-Jahrgänge und edierte diese im Notenstich in seinem Verlag.
Den Harmonischen Gottesdienst und seine Fortsetzung. In der ersten Serie begleitet die Singstimme je ein Solo-Instrument. In der Fortsetzung kommt ein zweites hinzu. Die Altistin Ruth Ziesak hat zusammen mit der bewährten Camerata Köln unter Micheael Schneider gleich vier dieser geistlichen Kammerkantaten aufgenommen und verbindet sie mit einer Auswahl aus den 20 kleinen Fugen, die Telemann dem Venezianer Benedetto Marcello widmete. Die kleinen munteren Fugen werden hier auf der Truhenorgel gekonnt dargeboten. Die affektvollen Arien und Rezitative der Kantaten bergen harmonische und melodische Schönheiten die Menge. Besonders wenn diese so gekonnt interpretiert werden wie hier.
Jean B. de Grammont