Fotos Jean B. de Grammont Copyright
















Das Rossini Belcanto Opernfestival in Bad Wildbad im Schwarzwald setzte auch dieses Jahr auf eine bewährte Mischung aus bekannten und weniger bekannten Werken des Maestro aus Pesaro und seines Umfeldes.
So stand zum einen die Grand-Opéra Fassung von Rossinis Semiramide und zum anderen die Salonoper Le mariage en poste des Elsässers Jean-Baptiste Weckerlin auf dem Programm.
Wir besuchten indes lediglich Rossinis Burletta per Musica in einem Akt L‘occasione fa il ladro nach einem Libretto von Luigi Prividali uraufgeführt 1812 im Teatro San Moise zu Venedig, nun in einer Präsentation im reizvollen intimen Rahmen des Königlichen Kurtheaters zu Wildbad.
Was passt besser zu Rossinis kleineren Opern als dieser Ort?
Hernach wohnten wir noch einer Freiluft-Serenade auf dem großen Platz zwischen den Hotels und der Therme bei.
Wieder erwies sich dies Festival als Perle ohne die zwanghafte Arriviertheit größerer Veranstaltungen dieser Art, wohin das Publikum eher strömt, um Aufzufallen und zu renommieren, als wirklich die Kunst zu goutieren.
Hier im kleinen Schwarzwald-Bad mit dem bröckelnden Charme vergangenener Württembergischer Größe und dem idyllischen Kurpark mit altem Baumbestand und echter Romantik, kamen sie wieder zusammen die Rossini- Enthusiasten aus aller Herren Länder.
(Zum Kurpark siehe unseren Beitrag unter dem Stichwort Kurpark von Bad Wildbad auf haute-culture-jdg.de)
Freilich größere Gazetten, abgesehen von ein paar Opernjournalen, berichten darüber eher nicht.
Immerhin erwog die regionale Postille aus Pupsenhausen, oder so ähnlich, ihren alljährlichen Kommentar.
Das sich für tonangebend haltende Feuilleton dieses Landes hingegen, hatte besseres zu tun. Da ist es Pflicht, erst recht für einen kommunistisch-faschistisch sozialisierten Redakteur ohne Manieren, sich salbadernd den Gästen der Wagner Festspiele in Bayreuth anzubiedern, als sich mit „Petitessen“ eines Rossini abzugeben.
Echt deutsch eben, wen wundert es?
Wenigstens war es meinem stilbildenden Blog- Format gerade noch erlaubt zu berichten.
Intendant Signore Bello-Fegato, auf Deutsch also Schönleber geheißen, hatte die Güte eine offizielle Freikarte seiner schwäbischen Sparsamkeit abzuringen.
Leicht sparsam wurde unfreiwillig ebenso die Darbietung in stimmlicher Hinsicht, da ausgerechnet eine der weiblichen Hauptrollen, nämlich die Partie der Berenice, an diesem Abend nicht singen, sondern nur agieren konnte. Ihre Stimme übernahm gekonnt eine Kollegin aus dem Hintergrund.
Aber das tat diesem abwechslungsreichen Einakter keinen Abbruch.
Dirigent Antonio Fogliani feuerte das Philharmonische Orchester Krakau zu feinen Orchesterfarben an.
Nach der Introduktion mit seinen auf- und absteigenden Kontrabass-Skalen und den munteren Holzbläser-Tupfern stürmte die affektvolle Sturm und Gewittermusik los und gab die kleine Bühne frei. Der Zwiegesang von Conte Alberto und Don Parmenione zwischen Reisekoffern und gedecktem Tisch in einem Landgasthof entspann sich zu einem burlesken Dialog.
Für das Gewittersturm-Wetterleuchten sorgte das Bühnenlicht mit kräftigen Rot-und Gelb-Flackern.
Rasch möchte Alberto zu seiner Braut Berenice. Leider nimmt er aus Versehen den Koffer Parmeniones mit. Und letzerer entdeckt in des Grafen Koffer nun ein Bildnis Berenices, in das er sich dermaßen verliebt, dass er dieselbe heiraten möchte. Eine burleske Komödie nimmt ihren Lauf, die eines Goldoni würdig ist.
Die Rezitative wurden stimmig auf einem Tafelklavier accompagniert. Eine Reminiszenz an die historische Aufführungsweise.
Wenige Requisiten genügten, um die Szenen auszustatten. Da spielte ein rotes Plüsch-Sofa eine wichtige Rolle. Ein paar Thonet-Stühle, ein Tisch und ein paar Kleinskulpturen das war alles.
Die Kostüme der Sängerdarsteller hatten einen gewissen nostalgischen Shabby-Chic.
Die Gesten der dramatis personae waren pointiert bis überzeichnet, das gab den teils burlesken Situationen zusätzlich Witz und Pfeffer.
Also fügten sich Bühne, Regie und Lichtführung zu einer schlüssigen zeitgemäßen Verbindung, ohne nur einen Hauch zum Klamottigen, wie er manchmal gerade bei älteren Rossini-Inszenierungen unangenehm aufstößt.
Stipendiaten der Akademie BelCanto übernahmen fast sämtliche Rollen. Mit gefällig gelenkigem Volumen Davide Zaccherini als Conte Alberto, nicht minder stimmkräftig Filippe Morace als Don Parmenione. Die Kammerzofe Ernestina mit weißer Schürze und Häubchen und Staubwedel verlieh Gaja Vittoria Pellizari blitzende Sopranfioreturen. Im Karo-Look schließlich Timoteo Bene Junior mit sonorem Bass.
Der Diener Martino war mit Giovanni Accardi ebenfalls glücklich besetzt, desgleichen die beiden Diener von Don Eusebio.
Wie in allen Bühnenwerken Rossinis entfalteten hier die Ensembles ihren besonderen Zauber.
Etwa das erste große Quintett, dann das Duett von Berenice und Parmenione mit seinen kantabel fließenden Linien. Die Rafinesse des Bläsersatzes allgemein und endlich das große Sextett des Finales beglückten. Denn endlich hatten sich nach so viel Zwischenfällen und Wechselspielen des Schicksals die Richtigen gefunden. Ein lieto Fine!
Vergnügliche gut Eineinhalb Stunden Musik mit einer ansprechend witzigen Inszenierung verknüpft auf gutem musikalischen Niveau, das war wieder einmal das Tüpfelchen vom I, das verstehen lässt, weshalb Rossini Fans alle Jahre wieder nach Bad Wildbad pilgern. Übrigens kann es Ihnen hier passieren, dass Sie unweit des alten römischen Brunnens von Friedrich von Thouret einer aparten Quellnymphe begegnen, die womöglich vom Kuraufenthalt Rossinis zu Wildbad in den 1850iger Jahren zu berichten weiß, vorausgesetzt Sie stellen die richtigen Fragen.
Hernach gab es dann noch eine kleine Serenade Open-Air verschiedener Stipendiaten der Akademie BelCanto, gesungen vom Balkon des alten königlichen Palais, heute Hotel Palais Thermal mit gemischtem Programm, das diesen Sommer-Abend heiter bis nachdenklich ausklingen ließ.
Jean B. de Grammont

