Tatsächlich begann Gioacchini Rossini geraume Zeit nach seiner Kur in Bad Wildbad wieder zu komponieren. Das nach langer musikalischer Abstinenz, ganz zum Bedauern vieler Melomanen.
Dafür kochte er und ließ kochen, war krank und melancholisch. Die Gourmet Küche verdankt dieser Phase ein paar wunderbare Rezepte.
Und in der erlesenen Kochbuch Collection Heyne ist Rossini ein ganzer wunderschön illustrierter Band gewidmet.
Aber jetzt begann er wieder vor allen Dingen kleinere Klavierstücke, die es in sich haben, zu schreiben. In der Regel waren diese für geladene Gesellschaften in seinem Salon gedacht.
Mit feinster Ironie sprach Rossini bezüglich dieser Stücke von den Pechées de Veillesse, den Sünden des Alters und nahm sich selbst offenbar nicht ganz ernst. Das zeigt wahre Größe wie sie einem Genie würdig ist.
Beim audiophilen Label Darbringhaus und Grimm ist eine ganze Box mit 8 CDs erschienen, die mit Meisterpianist Stefan Irmer sämtliche Klavierwerke Rossinis enthält.
Allesamt aus diesen Alterswerken. Bei einer Chanson tritt Altistin Michaela Dobmeier hinzu und bei einer vierhändigen Petite fanfare die Pianistin Jang Eun Bae.
Wie formulierte es nicht Wilhelm Busch treffend:
Ein gutes Tier
Ist das Klavier,
Still, friedlich und bescheiden
Und muss dabei
Doch vielerlei
Erdulden und erleiden.
Das dies hier nicht der Fall ist, dafür sorgt Rossinis ungemein einfallsreiche und völlig unkonventionelle Musik.
Diese Klavierstücke blicken nach vorne in die Zukunft und gleichzeitig zurück ins 18. Jahrhundert.
Da sind kleine Anlehnungen an Domenico Scarlatti und Rameau wie Couperin zu finden, vor allem auch an Johann Sebastian Bach, dessen erste Gesamtausgabe Rossini abonnierte.
Aber wie formulierte der Opernmeister so treffend über den Thomaskantor:
„Bach in Maßen ist subtil, zu viel davon despektierlich“.
Entsprechend gibt es bei Rossini nur eine Fuge, gut gefertigt, aber mit theatralischem Schluss.
Was ist da nicht alles zu entdecken:
Petite Caprice à la Offenbach.
Ein:
Profond sommeil mit anschließendem Erwachen. Ein Alptraum.
Bilder der Lagune von Venedig. Ein Marsch in Erinnerung meiner letzten Reise.
Dann gibt es ein paar Gourmet oder Küchenstücke, wie könnte es auch anders sein.
Variationen über Anchovis, Melodien über Butterhörnchen und Variationen über Butter.
Und sogar einen kleinen Walzer auf das Rizinus-Öl. Denn verdaut muss jede Schlemmerei werden.
Sogar Charakterstücke auf seine Perrücke sind dabei.
Eine kleine vergnügliche Bahnreise wird musikalisch beschrieben. Wobei Rossini dies Gefährt mied wie der Teufel das Weihwasser. Was etwa bezogen auf die „Deutsche Bahn Disaster AG“ heute noch verständlich wäre.
Und hinter einer ganzen Serie als
„Un rien“ betitelten kleinen Stücken verbergen sich durchaus kunstvolle Kabinett-Stücke, die bis ins Enharmonische gehen und Eric Satie vorweg zu nehmen scheinen.
Eine Fundgrube sind die Préludes, ob barock, semipastoral oder fugiert, maurisch oder tartarisch. Dann wird es teilweise chinesisch, es geht bergunter und bergauf. Es gibt sogar einen anti-tänzerischen Walzer und andere Skurilitäten mehr.
Stefan Irmer sorgt mit viel Feingefühl, Augenzwinkern und brillantem Spiel auf dem großen Steinway Flügel für eine zeitlose Darbietung dieser Sünden des Alters von Rossini.
Das sind lässliche Sünden, die dem Ohr Freude bereiten und der Seele Vergnügen.
Vivo maestro Gioacchino Rossini!
Jean B. de Grammont

