Beethoven späte Streichquartette

Neue Schlaglichter auf Beethovens frühes und spätes Streichquartett-Schaffen werfen die Aufnahmen des jungen Chiaroscuro-Quartetts, das auf historischen Instrumenten für eine außergewöhnliche Interpretation sorgt.

(Siehe desgleichen unter dem Stichwort Haydn eine CD desselben Ensembles auf haute-culture-jdg.de)

Erschienen sind alle CDs beim schwedischen Label BIS

Mit Elan wird hier der junge wie der ältere Beethoven als das gefeiert, was er war. Ein Revolutionär der Tonkunst, ein enfant terrible, das mit Traditionen bricht, um sie zugleich fortzusetzen.
Die Streichquartette Opus 18, eine Serie von 6 Quartetten, komponierte Beethoven zwischen 1798 und 1800 bereits in Wien. Einen Auftrag des Musikfreundes Fürst Franz-Josef Lobkowitz gab dazu Anlass.
Freilich was selbst zu einem so talentierten Komponisten wie Beethoven, wie die sehr informative Einführung des Booklets von Richard Wickmore darstellt, ein großer Akt.
Denn die Meisterwerke Joseph Haydns und Wolfgang Amadeus Mozart waren präsent.
Bei solchen Giganten im Nacken war es nicht einfach sich bemerkenswert von diesen abzugrenzen und Eigenes zu erfinden. Aber Beethoven wäre nicht Beethoven, wenn ihm das nicht geglückt wäre.
Die Quartette 4 bis 6 aus Opus 18 sind bereits 2021 erschienen. Numero 1 bis 3 ist ebenfalls mit dem Chiaroroscuro Quartett erhältlich.

Dazu gesellen sich dann die späten Quartette Opus 74 und Opus 130. Aufnahmen beider Quartette wurden bereits 2023 veröffentlicht.

Mit einer ruhigen und spannungsgeladenen langsamen Einleitung hebt das erste der beiden an. Und der häufige Gebrauch des Pzzicato im folgenden raschen Satz erklärt warum dies Quartett den Beinamen Harfenquartett erhalten hat. Hier pochen die gezupften Saiten teils mächtig. Mit warmem Klang, konturenscharf und mit glutvollem Elan wird dieses Quartett geboten. Ein hymnischer Gesang das Adagio, welches die Romantik vorwegnimmt. Ein furioses Scherzo schließt sich an. Endlich gibt es ein abwechslungsreich gestaltetes Variationen-Finale.

Das zweite noch spätere Quartett zählt zu einer Serie von drei Stücken, die Beethoven 1826 für Fürst Galizin schrieb.

Der ausgedehnte erste Satz pendelt dialektisch zwischen einem langsamen und einem raschen Abschnitt voller Lebhaftigkeit. Suitenartig oder nach Art eines Divertimentos ist diese Komposition auf insgesamt sechs Sätze erweitert. Ein kurzes Presto und darauf ein vibrierendes Scherzo mit gezupften Geigen folgen, dann ein Walzer-artiger Tanz und eine ruhig strömende Cavatine, die mit zum ausdrucksvollsten zählt, was der späte Beethoven in Noten gesetzt hat. Eine ausgelasse Danza pastorale schließt dieses Ausnahmewerk der Streichquartett-Literatur ab.

Das Chiaroscuro formt daraus einen Beeethoven, der Kenner wie Liebhaber gleichermaßen glücklich machen wird.

Jean B. de Grammont