
Orgel und Oboe mit Uraufführung
Das Eröffnungskonzert der Überlinger Musiktage am 21. Oktober 2026 in der Franziskaner Kirche in Überlingen feierte den 800 Todestag des Heiligen Franz von Assisi gebührend.
In der eher bescheidenen Besetzung von Orgel und Oboe, wie sie wohl dem heiligen Franziskus gefallen hätte. Wenngleich die hier dargebotenen Klänge den Ohren des Bruders aus Assisi wohl eher fremd gewesen wären.
Um 1200 herum befand sich die Musik des hohen Mittelalters bereits im Umbruch.
Auf der einen Seite gab es in Italien wie in Frankreich die Lieder der Troubadoure, was das weltliche Spektrum anbelangt, auf der anderen Seite wurde nach wie vor der gregorianische Mönchsgesang gepflegt in den Laudes der minderen Brüder, deren Gründer Franziskus und Clara waren, woraus der Frauen-Orden der Clarissinnen hervorging
Freilich war Franziskus ebenso ein Fan der Troubadour-Musik. Insbesondere seine Sonnengesänge, die wohl berühmteste Sammlung geistlicher Poesie von Franziskus, dürfte derselbe im Troubadour-Style vorgetragen haben.
Da es aber in diesen fernen Tagen weder Tonträger, noch Spotify oder gar YouTube gab, können wir heute nur vermuten wie es einst bei Franziskus geklungen haben könnte.
Eine bessere Vorstellung haben wir hingegen von der Kirchenmusik an Notre Dame zu Paris um
1200 mit Leoninus und Perotinus Magnus.
Die in den dortigen Kompositionsschulen gepflegten bereits mehrstimmigen sogenannten Organa wurden notiert. Verschiedene auf mittelalterliche Musik spezialisierte Ensembles haben davon überzeugende Aufnahmen bei den einschlägigen Labels vorgelegt.
Doch zurück in die Gegenwart des Jahres 2026 zur Eröffnung der Musiktage Überlingen.
Auf einem Altarblatt der im Rokoko neugestalteten spätmittelalterlichen Bettelordenskirche mit ihren nach wie vor deutlich erkennbaren Spitzbogen-Arkaden ist der heilige Franz vor der Jungfrau Maria zu sehen, ganz im Geschmack des süddeutschen Barock.
Und das prächtige Gehäuse mit musizierenden Putten und Engeln mitsamt Marmorierungen und Blattgold der einstigen Aichgasser Orgel prangt nach wie vor von der Empore und fügt sich in das helle heitere Interieur mit Fresken und Stuck nahtlos ein.
Neben einer Uraufführung und Hommage an Franziskus des Schweizer Komponisten Frédéric Bolli erklangen weitere Werke der Moderne, der deutschen Romantik wie des Barock.
An der Orgel waltete Martin Weber, den Oboen-Part übernahm Ralf-Peter Patt.
Allerdings stammt das heutige Orgelwerk in der Franziskaner Kirche erst aus den 1950iger Jahren und ist nicht im besten Zustand.
Dennoch entfaltete sich ein reizvolles Zusammenspiel von zwei unterschiedlichen Instrumenten. Und siehe da Oboe und Orgel passten gut zueinander.
Den Auftakt machte ein Hymnus aus dem 11. Jahrhundert arrangiert für Oboe Solo.
Direkt daran schloss sich Frédéric Bollis sogenanntes Diptychon an, eine Choralbearbeitung über „Christ ist erstanden“. Das Diptychon fand erst im letzten Jahr seine Uraufführung in Konstanz. (Siehe dazu unseren Beitrag auf haute-culture-jdg.de Orgel und Oboe).
Die Choralmelodie wird bei Bolli in zwei unterschiedlichen Stücken eingeflochten. Das eine mehr neobarock mit die Choralmelodie umspielenden Bicinien, das andere fast flott und jazzig.
Darauf wechselten Romantik und klassische Moderne.
Josef Gabriel Rheinbergers Cantilene F-Dur in der Fassung für Oboe und Orgel. Rheinberger war ein vortrefflicher spätromantischer Komponist und hauptsächlich als Kapellmeister am Münchner Hof tätig.
Eine wiegende singende Weise der Oboe zu feinen Akkorden der Orgel entwirft Rheinberger, beide Musiker machten daraus einen Ohrwurm.
Bertold Hummel, ein Komponist des 20. Jahrhunderts, schrieb das Stück Vokalise, geprägt von glitzernder Begleitung in prächtigen Akkorden der Orgel zu sanglichen Passagen der Oboe.
Auch das gelang gut.
Martin Weber improvisierte darauf klangmächtig auf der Orgel über den Choral Ein feste Burg ist unser Gott.
Ralf- Peter Patt steuerte darauf selbst eine Eigenkomposition bei mit einem suitenartigen Stück mit dem Titel „Herzsplitter“ inspiriert von Hans-Christian Andersens Märchen „das kalte Herz“. Damit reiht sich Patt ein in die lange Reihe komponierender Instrumentalisten. Das Stück gefiel durchaus mit seinem singend rhythmischen Tonfall.
Aus Johann Sebastian Bachs Sammlung der Schübler Choräle erklang von den Begleitstimmen kunstvoll kontrapunktisch umflochten die Melodie Wer nur den lieben Gott lässt walten.
Darauf wechselte man wieder direkt in die Gegenwart mit Heinz Holliger, der selbst ein großer Oboist und bedeutender Komponist aus der Schweiz ist. Derselbe schrieb das Stück Choral. Was wie folgt aufgebaut ist:
Erst quasi ein Orgelvorspiel mit einer Art Ostinato Bass und dann ein abwechslungsreicher Dialog von Orgel und Oboe über eine Choralmelodie.
Von Karl Mille, einem Spätromantiker, erklang schwebend das Andante religioso für Oboe und Orgel durchaus melodisch.
Endlich kam es zur Uraufführung von Frédéric Bollis Hommage an den Heiligen Franziskus für Oboe, Orgel und Sprecher. Mit fast verklärenden langsamen Akkorden hebt Bollis Hommage auf Franziskus an, erst für die Orgel allein, dann mit sanglicher darüber leuchtender Oboe. Eingeflochten wurden verschiedene Zitate des Heiligen, die der Komponist selbst vorlas. Das erste passte gut zum einleitenden kurzen Stück.
“Ein Sonnenstrahl genügt viel Dunkel zu erhellen“, heißt es bei Franziskus.
Darauf ging es mit machtvollen Akkorden weiter, die in einen verspielten Dialog von Orgel und Oboe übergingen. Denn wie heißt es bei Franziskus: „Der, der mit seinen Händen arbeitet ist ein Arbeiter. Der, der mit seinen Händen arbeitet und dem Kopf ist ein Handwerker. Der, der mit seinen Händen arbeitet und dem Kopf und dem Herzen ist ein Künstler. Entsprechend entfaltete sich muntere Heiterkeit in der Komposition.
“Tut zunächst das Notwendige, dann das Mögliche. Und plötzlich schafft ihr das Unmögliche“.
Dieses beschließende Zitat von Franziskus kommentierte Frédéric Bolli mit einem ausgesprochen beschwingten und sehr kurzen Stück für beide Instrumente.
Als Zugabe gaben die Musiker das Andante aus Johann Sebastian Bachs Cembalo-Concerto in f-moll. Allerdings zitierte Bach dabei bis in die Begleitung hinein eine Komposition seines Freundes Georg Philipp Telemann.
Ursprünglich war es der Eröffnungssatz eines Flötenkonzerts Telemanns in vier Sätzen.
Jean B. de Grammont
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