
Zwischen Dramatik und Geigengesang
Im Graf Zeppelin Haus Friedrichshafen gastierte das Kammerorchester Basel mit der Violinistin Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout Pianoforte und Leitung. Ein vor allem auf Mozart ausgerichtetes Programm wurde geboten.
Das Orchester hat nichts gemeinsam mit dem ehemaligen Basler Kammerorchester, das vom Musikmäzen Paul Sacher gegründet und geleitet wurde.
Das Kammerorchester Basel spielt mit historischen Instrumenten und macht derzeit besonders mit einer Gesamtaufnahme der Sinfonien Joseph Haydns im Wechsel mit Il Giardino armonico unter dem Dirigenten Giovanni Antonini von sich reden.
(Siehe dazu auf haute-culture-jdg.de unter dem Stichwort Haydn entsprechende CD Reviews)
Isabelle Faust ist eine außergewöhnliche Violin-Virtuosin mit einem sehr breiten Repertoire vom Barock bis in die Moderne. Die Interpretin wählt jeweils den stilistisch am besten passenden Interpretations-Ansatz. Ich bin jedesmal verblüfft wie gut sie das macht.
Zuletzt hörte ich Isabelle Faust live anlässlich eines Konzerts in der Kartause Ittingen zusammen mit dem Pianisten Alexander Melnikow und Stücken von Schubert und Beethoven, aber das ist eine Weile her.
(Auf haute-culture-jdg.de gibt es bereits eine Besprechung ihres Telemann Albums von 2025 mit der Akademie für Alte Musik Berlin. Siehe Stichwort: Telemann).
Bevor es mit einem spannenden Mozart-Programm losging, präludierte das Orchester eine Ouvertüre von Josef Martin Kraus.
Kraus, der sogenannte Schwedische oder Odenwälder Mozart. Da Kraus fast die gleichen Lebensdaten wie Wolfgang Amadé hatte wird er gerne so tituliert.
Kraus starb gut ein Jahr nach Mozart in Stockholm als Kapellmeister seines mittlerweile durch Folgen eines Attentats verstorbenen Königs Gustav III von Schweden.
Überdies komponierte Kraus als künstlerische Reaktion auf den Tod seines Wiener Kollegen ein Lied „Af Mozarts töd“ in Es-Dur nach Versen von Carl Michael Bellmann.
Allerdings begegneten beide Genies nie persönlich einander, obwohl Kraus Wien besuchte. Mozart war gerade auf Reisen.
Einzig ein Treffen mit Joseph Haydn gab es. Kraus widmete Haydn seine ausdrucksvoll dramatische c-moll Sinfonie, was Haydn veranlasste von Kraus als einem der größten Genies zu sprechen, die ihm begegnet sind.
Kraus‘ Musikstil orientiert sich allerdings eher an Christoph Willibald Gluck wie an den süddeutschen oder italienischen Meistern.
(Zu Josef Martin Kraus siehe auf haute-culture-jdg. unter dem Stichwort Kraus bislang ein Review zweier CD Aufnahmen)
In Kraus‘ dramatisch packender Overtüre zu Voltaires Tragödie Olympie, einem recht effektvoll Bühnenwerk mit tragisch-schrecklicher Handlung wird dabei das Geschehen bedeutungsschwer musikalisch antizipiert.
Ganz entfernt erinnert Kraus‘ Komposition von 1791 noch an eine französische Ouvertüre von Jean Baptist Lully mit ihrer langsamen Einleitung, die am Ende wiederholt wird, und dem folgenden raschen Satz. Wohl eine Verneigung des Komponisten vor dem französischen Poeten? Allerdings sind es bei Kraus ausdrucksvolle Akkorde, die seine Bühnenmusik eröffnen und ein markanter stürmischer Satz, gleichwie aus einer Sturm und Drang Sinfonie, rollt voller Affekte vorüber, statt ein fugierter Mittelteil.
Bezuidenhout accompagnierte teils an seinem Nachbau eines Walter Pianoforte und setzte von da aus Zeichen. Das Kammerorchester Basel setzte kraftvolle Akzente mit scharfen Rhythmen, schmetternden Naturhörnern und nasalklaren Oboenklängen, die sich mit dem Streichersound bestens mischten.
Nach Kraus ging es mit Mozart sozusagen nach Salzburg und Wien wie nach Mannheim auf Reisen, denn in diesen Städte entstanden die aufgeführten Stücke.
Seine fünf Violinkonzerte schrieb Mozart Mitte der 1770iger Jahre in Salzburg für sich selbst als Solisten. „Ich spielte als ob ich der größte Geiger in ganz Europa wäre“, schreibt Mozart anno 1777 in einem Brief, wie uns Hermann Abert in seiner großen Mozart Biografie berichtet. Allerdings war die Geige neben dem Pianoforte Mozarts Hauptinstrument.
Das zweite D-Dur Konzert KV 211 erstrahlte dann entsprechend freudvoll und Energie geladen. Isabelle Fausts stupende Technik und glasklar geschmeidiger Ton ließen die Soli in dem beschwingt heiteren Allegro moderato erblühen. Eingerahmt von dem federnd aufspielenden Orchester, angefeuert von Bezuidenhout teils an den Piano-Forte- Tasten, teils mit Dirigierten-Sprache.
Erst recht im schwelgerischen Andante, wo die Violine in weiten Bögen ihre schmelzenden Kantilenen singt, wurde Mozarts feiner Sinn für schönste Melodien beglückend deutlich.
Bereits Hernann Abert bekannte in seiner großen Mozart Biografie: „wahre Prachtstücke edelster Kantabilität sind die langsamen Mittelsätze“.
Mit viel Spielwitz gelang endlich das verspielte Rondo Finale. Isabelle Faust steuerte jeweils eigene gut erfundene Kadenzen bei.
Zu Beginn seiner Wiener Jahre schrieb Mozart ein singuläres Konzert-Rondo für Violine und Orchester KV 373, das leider seltener aufgeführt und eingespielt wird.
Es bietet neben ausdrucksvoll effektvollen Geigen Soli und einem betörenden Mittelteil mit Pizzicato- Begleitung der Solo-Violine Herausragendes in einem etwas reiferen Stil. Für dies Wiener Rondo wurde hier wärmstens plädiert.
Nach der Pause wechselte man zur Kammermusik einer frühen Mannheimer Sonate für Pianoforte mit obligater Violine Mozarts, nämlich KV 296. Übrigens ist das Mozarts erste ausgefeilte Sonate in dieser Besetzung.
Alle Errungenschaften des Mannheimer Stils werden hier lebendig und wurden von Bezuidenhout mit perlendendem Spiel am Walter Pianoforte und mit Fausts geschliffenen Geigensprüngen prägnant vorgeführt.
Drei Sätze voller Witz, Eleganz und Lebensfreude in leichten heiteren Klangfarben. Das schillernde leichttönende Chiarascuro des Hammerflügels ergab zusammen mit dem klaren Violindiskant geistvolle Zwiegespräche, als wohnten wir einer Konversation in einem Salon des Rokoko bei.
Bekanntlich wusste der Pianist Glenn Gould Mozart nicht sonderlich zu schätzen, für ihn war Mozarts Musik überbewertetes leichtes Getändel.
Johann Sebastian Bach dagegen war für Gould der Meister schlechthin. Allerdings fand nicht jeder von Goulds- Kollegen desselben Spiel so adäquat wie er selber.
Etwa Gustav Leonhardt bekannte mir gegenüber in seinem privaten Salon des Bartolotti Hauses anlässlich meiner lange zurück liegenden Reise nach Amsterdam, sicher war Gould ein respektabler Pianist, aber wenn er Bach spielt, ist das so wie wenn man Salzsäure über eine gotische Madonna gösse.
Böse Zungen meinen ja Mozarts Popularität verdanke sich den bekannten Mozart Kugeln, womit Mozart einfach in aller Munde sei und deren schokoladige Süße wäre ein Äquivalent zu seiner Musik. Freilich zeigen diese Pralinés wie populär Mozart geworden ist. Und es stimmt schon, dass der Geschäftstätigkeit seiner Witwe Constanze und verschiedener Anhänger nach 1800 diese Berühmtheit mit zu danken ist.
Aber unstrittig ist und bleibt doch die überragende Qualität von Mozarts Musik.
Das diese nicht nur heitere Rokoko-Himmel beschreibt und pastorale Idyllen malt, bezeugt besonders bewegend Mozarts große g-moll Sinfonie, welche das Konzert abschloss und krönte.
Es ist die mittlere, der bis heute von Rätseln umrankten Trias, der drei letzten Sinfonien Mozarts. Wahrscheinlich hat sie Mozart als Serie von drei Werken konzipiert, wie es damals üblich war. Aber selbst das ist nicht sicher.
Mitten im Sommer 1788 feilte Mozart an diesen Meisterwerken und wohl wollte er sämtliche Sinfonien in einer sogenannten Wiener Akademie aufführen, auch um seiner drückenden finanziellen Lage dieser Tage aufzuhelfen. Im 18. Jahrhundert dachte man praktisch und war fern von irgendwelchen esoterischen Theorien.
Vielleicht waren die Sinfonien sogar für eine geplante Reise nach London gedacht, die leider nicht mehr zu Stande kam.
Womöglich waren sie ein Zyklus, der als ein großes bekenntnishaftes Oratorium ohne Worte in sinfonischer Form gedacht gewesen sein könnte, so der große Dirigent Nikolaus Harnoncourt. Aber das wissen wir alles nicht wirklich. Fest steht alle drei letzen Sinfonien Mozarts sind grandiose Musik, die Mozarts sinfonisches OEuvre krönen und weit in die Zukunft weisen.
Bis vor einiger Zeit galt es als ausgemacht, dass Mozarts letzte Sinfonien zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt worden sind.
Wahrscheinlich wurde aber doch zumindest die g-moll Sinfonie in ihrer ersten Fassung ohne Klarinetten in einem Konzert bei Gottfried van Suiten gegeben, wo das Stück erst gar nicht gut ankam. Offensichtlich spürte das Publikum die verstörende dramatische Wirkung dieser Sinfonie, die mit allen Konventionen bricht. Mozart fügte wohl für eine weitere Aufführung die Klarinetten hinzu.
Später wurde leider lange Zeit in verschiedenen Interpretationen, aus dem aufwühlenden Molto Allegro dieser Sinfonie eine nette Café-Haus Begleitmusik gemacht zum Mokka mit Mozart-Törtchen.
Zum Glück aber nicht hier!
Wie Mozart selbst es wohl getan hätte, begleitete Bezuidenhout vom Hammerflügel aus. Wenn Bezuidenhout nicht sachte die Tasten des Pianoforte beben ließ, so setzte der Internet präzise Fingerzeichen und die aufgewühlte musikalische Sprache dieser kühnen Sinfonie nahm ihren Lauf.
Also machte das Kamerorchester Basel aus der Eröffnung eine spannende kontrastreiche Erzählung mit scharfen Kontrasten.
Die Holzbläser, insbesondere die Harmoniemusik der Oboen, Klarinetten, Fagotte und Hörner verschmolz wunderbar mit seinen feinen Motivspielen .
Desgleichen wurden die langen Bögen des langsamen Satzes mit ihrer Chromatik, durchaus herb und in ihren feinverflochtenen Konturen hervorgehoben.
Mit Schwung und markanter Rhythmik wogte das kunstvolle kanonische Menuetto in markigen Tanzschritten. Endlich wurde das dramatisch dahinpreschende Finale mit aller Verve und Feuer inszeniert.
Es war ein Mozart und Kraus Abend, den man lange in Erinnerung behalten mag.
Jean B. de Grammont

