Copyright der Bilder beim Autor. Sie zeigen die Solistin mit Violine und die Solisten des Konzerts am Flügel bzw. Gesang, den Dirgenten und das Orchester sowie den Komponisten Frédéric Bolli.







Wieder begann am 16. Juli des Jahres 2026 das beliebte Konstanzer Musikfestival mit Klassik, Jazz und Crossover im Festsaal des Insel-Hotels direkt am See.
(Siehe weitere ältere Berichte unter dem Stichwort Konstanzer Musikfestival auf haute-culture-jdg.de)
Das Festival wurde vor fast einem Jahrzehnt von Peter Vogel ins Leben gerufen und bietet gewohnt abwechslungsreiche Programme, teils unter Mitwirkung des Initiators.
Neben bekannten Ohrwürmern der klassischen Musik und des Jazz erklingen immer wieder Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten.
Da der Festsaal des Hotels die ehemalige Klosterkirche der Dominikaner ist, die zwar vor Jahrzehnten durch moderne unschöne Deckenplatten verschandelt wurde, ist ein passender würdiger Rahmen gegeben mit ordentlicher Akustik zudem. Bemerkenswert sind die Säulenreihen und Arkaden wie spätmittelalterliche Fresken in der ehemaligen Klosterkirche.
Wir berichten hier lediglich über das sehr gelungene Eröffnungskonzert mit zwei Schlachtrössern der spätromantischen Konzert-Literatur für Klavier und Violine Solo, nämlich von Grieg und Tschaikowski, die kombiniert mit zwei Uraufführungen von Orchester-Werken des Schweizer Komponisten Frédéric Bolli, eine reizvolle Kombination ergaben.
Vor dem leicht vermotteten Barock-Gobelin auf der Rückwand des ehemaligen Kirchenchor-Raumes postierte und spielte die heimische Bodensee Philharmonie unter Leitung des jungen Gast-Dirigenten Tim Hüttemeister.
Gleich zu Beginn wagte man in diesem Konzert zeitgenössische Musik Frédéric Bollis aufs Programm zu setzen. Eine kleine Änderung der Programm-Reihenfolge, die aber gut passte.
Wie mir der Komponist freundlicherweise mitteilte, begleitete ihn Rainer Maria Rilkes berühmtes Gedicht Herbsttag bereits vor genau 50 Jahren, als ihm eine Freundin schrieb:
„Lieber Frédéric hier das schon so lange versprochene Gedicht. Findest du es zu kitschig? Etwas theatralisch gell? Aber mir gefällt’s einfach.“
Besagte Freundin gab somit zudem Frédéric Bolli den Auftrag, das Gedicht zu vertonen.
Die Freundin war damals 23 Jahre jung und der Komponist mit 22 noch in der jeunesse d‘orée.
Besagte Freundin scherzte, es solle ein Requiem für sie werden und Bolli habe noch mindestens 50 Jahre Zeit zum komponieren.
Freilich machte sich Frédéric Bolli mit bewährter Schweizer Tüchtigkeit und Fleiß sogleich an die Arbeit und erstellte eine kammermusikalische Fassung für Klavier und Bariton, die er selbst als ausgebildeter Sänger immer wieder mit seinem Hauspianisten, dem Basler Hans Jörg Fink zusammen aufführte.
Erst jetzt instrumentierte Bolli diese Fassung für großes Orchester und Singstimme um. Diese Version wurde nun in Konstanz uraufgeführt.
Das Werk besteht aus vier Sätzen und erst im Finale gewissermaßen erhält der Bariton das gesungene Wort nach den berühmten Versen Rainer Maria Rilkes:
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiel den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke, Herbst 1902, Paris
Bevor der Solist seine Bariton Stimme erhebt erklingen drei Orchester-Sätze. Damit gewinnt das Stück über Rilkes Gedicht fast die Dimension einer kleinen Sinfonie mit vokalem Schluss. Wenngleich in konziser, fast kammermusikalischer Form.
Eine Parallele zu Beethovens berühmter 9ter Sinfonie oder zu Mendelssohns Lobgesang Sinfonie ist vielleicht etwas weit her geholt, da es bei diesen Werken viel ausgedehnter zugeht und entsprechend völlig andere Texte von Schiller und aus den Psalmen verwendet werden. Aber eine entfernte Verwandtschaft gibt es, gerade in Frédéric Bollis Orchester-Fassung des Herbsttages.
Die Komposition zeigt in dieser Version eine reiche Bläser-Besetzung in den Holzbläser-Partien mit Flöten, Klarinetten und Fagotten.
Das ergibt zusammen mit den Streichern warme lyrische Klangfarben. Die langsame Einleitung mit ihren ausgedehnten Kantilenen besitzt etwas Elegisches, was das Rilke Gedicht Herbsttag trefflich vorwegnimmt nur eben instrumental.
Im weitesten Sinne, erinnert es an eine langsame Einleitung zu einer späten Sinfonie Joseph Haydns, der ein großes Vorbild Frédéric Bollis ist.
Desgleichen mutet diese Einleitung an wie eine Filmmusik im besten Sinne, die des Poeten Rilke Bilder aufnimmt und assoziiert.
Die Bodensee Philharmonie unter dem Dirigat von Tim Hüttemeister gestaltete das einfühlsam und mit Schönklang und duftigem Kolorit.
Wie sein Vorbild Haydn besitzt Bolli ein eher heiteres Naturell, was ja Melancholie oder Trauer nicht ausschließt, sondern im
Gegenteil diese Nuancen der Seele vertieft.
Und wie in einer Sinfonie folgte daraufhin als zweiter Satz ein Scherzo, hier als Scherzo fugato, witzig und kunstvoll zugleich gehalten, wohl bezugnehmend auf den süßen Wein und die Früchte des Herbtstes in Rilkes Gedicht.
Lebendig dargeboten wurde dies, um endlich von einem hübschen Thema mit Variationen abgelöst zu werden, das gemächlich dahinfloss mit Holzbläser-Tupfern garniert und ebenso entfernt an Haydn gemahnte.
Endlich beginnt der Bariton Rilkes Worte lyrisch mit rhetorischer Geste und geschwungenen, aber recht syllabisch geformten Melodie-Linien auszukosten. Vorzüglich besetzt mit dem jungen Bariton Jakob Schad, der ein Meisterschüler Christian Gerhaers ist.
Mit feinem Timbre verdeutlichte Jakob Schad die Dichterworte und im Zusammenklang mit den Streichern und Holzbläsern verschmolz dieser Schluss zu einer Apotheose des Herbstes in einer Hommage an Rainer Maria Rilke aus der Feder des Komponisten Frédéric Bolli, die in bunten Akkorden der Holzbläser das Blätter-Treiben malte und die vertonten Worte unterstreichend, ja versinnbildlichend ausklang als sei es ein moment musical der Vanitas. Das berührte sehr!
Darauf ging es direkt über in die Spätromantik von Edward Griegs großartigem einzigen Klavierkonzert in a-moll op. 16.
In seiner Jugend lauschte Grieg einmal wie Clara Schumann das grandiose Klavierkonzert ihres Mannes Robert Schumann aufführte. Das war für Grieg dermaßen beeindruckend, dass er selbst beschloss ein Klavierkonzert zu schreiben. Das gelang ihm viel später in einer gelungenen Symbiose aus nordischer Folkloristik unter Einbeziehung von Volksliedern und einem norwegischen Halling, einem Springtanz, im Finale. Während das weiträumige Adagio die karge Landschaft von Griegs Heimat zu malen scheint.
Aaron Pilsan, ein junger österreichischer Meisterpianist übernahm diesen anspruchsvollen Klavierpart mit Bravour.
Rauschende Klangkaskaden in den schnellen Sätzen. Brillante Kadenzen und Tastenwirbel zwischen Pauken -Wirbeln und blitzende Läufe standen dem verträumten Adagio mit weitem Atem gegenüber.
Das gelang bis ins Detail und erfreute dank auch der gekonnten Begleitung des Konstanzer Klangkörpers.
Fortgesetzt wurde das Programm wieder mit einer Uraufführung der Orchester-Fassung einer Variations-Reihe über eine Chanson der französischen Résistance im zweiten Weltkrieg von Frederic Bolli, genannt Partita. Hierbei wird der Bläsersatz noch durch eine Bassklarinette verstärkt. Nach Bekunden des Komponisten ist das Stück ein Spiegelbild der angespannten aktuellen weltpolitischen Lage. Freilich wirkt das Ganze in kunstvollen Zwölf- Tonreihen arrangierte Werk eher heiter, nur zum Ende hin wird es etwas melancholischer was allerdings vielleicht gemessen an der tatsächlichen Weltlage nicht melancholisch genug ist. Frédéric Bolli begründet dies mit seinem heiteren Naturell. Das macht diese Partita fast zu einem divertierenden Stück, aber gewissermaßen ein Divertimento am Rande des Abgrunds, wie le dernier Champagne vor dem Einschlag einer Atombombe, der immer parat sein sollte, eisgekühlt natürlich, freilich hoffentlich eher zu feineren Anlässen als zu einem solchen Desaster, wo kein Tropfen übrig bleibt.
Hört man freilich diese Musik nach einer charmanten Melodie vermeint man, soweit ist es noch nicht und diese sich eventuell im schlimmsten Fall anbahnende Katastrophe wird nicht eintreffen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Und am Ende des Konzerts stand dann noch eine besondere Überraschung in doppelter Hinsicht mit dem Konzert-Schlacht-Ross des berühmten Violinkonzerts von Piotr Illjitsch Tschaikowsky.
(Siehe auf haute-culture-jdg.de ebenso unter dem Stichworten Festspielhaus Baden-Baden oder einfach Tschaikowsky einen weteren Beitrag dazu)
Denn die hochtalentierte junge Violinistin
Cosima Soulez Larivière stammt aus Paris und hat französisch niederländische Wurzeln.
Hier verbanden sich also auf dem Feld der Kunst wenigstens friedlich Osten und Westen.
Nach einer Beziehungs- und Ehe-Krise, erst zu einem Mann dann zu seiner zu plötzlich angetrauten Frau und weiteren Flops im Komponistenleben machte sich Tschaikowsky während eines Erholungs-Aufenthalts am Genfer See an das phänomenale Konzert, dass er eben diesem Partner, dem Geiger Yosif Kotek widmete und mit diesem bereits am Lac Léman einstudierte. Die Uraufführung übernahm allerdings jemand Anderes.
Freilich war der Violinpart dermaßen anspruchsvoll gehalten, dass zeitgenössische Ohren das Konzert für unspielbar hielten und es kam in die Schusslinie der Kritik. Heute zählt es zu den beliebtesten Geigenkonzerten überhaupt und das mit Recht. Fast Rokoko-haft wie eine Hommage an Mozart mutet der erste Satz an. Freilich gewürzt mit hochvirtuosen Kapriolen der Violine.
Die hinreißende Darbietung der Solistin Cosima Soulez Larivière machte alle Schwierigkeiten vergessen. Himmelsjauchzend und mit sprühendem Saiten-Esprit zelebrierte die Geigerin den ersten Satz. Schwelgend geriet die Canzonetta des Andante, während die russische Folkloristik des Finale mit Furore und Kraft poliert und geschliffen wurde, so dass es eine Freude war. Cosima Soulez Larivière brachte ihre feine Grancino Violine aus dem 18. Jahrhundert zum Singen auf fast ekstatische und absolut sichere Weise. Eine Glanzleistung des Violinspiels!
Die Bodensee Philharmonie begleitete akkurat und somit geriet das Konzert zu einem echten Festfinale und gelungenen Ausklang dieses Eröffnungskonzerts.
Jean B. de Grammont

