Vive Pauline Viardot-Garcia zu Baden-Baden

Ein kleines Festival zum 205. Geburtstag von Pauline Viardot- Garcia veranstaltete die Brahmsgesellschaft zusammen mit den Karlsruher Schlosskonzerten in Baden-Baden am 17. und 18. Juli 2026, so dass alle Connaisseurs direkt in die Geburtstagsnacht der großen Sängerin, Pädagogin und Komponistin sowie begabten Zeichnerin hineinfeiern konnten. Alles stand unter dem Motto: Vive Pauline!
Das fügt sich gut ein in unsere Reihe an Komponistinnen-Porträts. (Siehe dazu auf haute-culture-jdg.de unter den Stichworten Barbara Strozzi und Emilie Mayer weitere Beiträge)

Mit Baden-Baden verband diese Berühmtheit des 19. Jahrhunderts viel, denn gemeinsam mit ihrem Mann, dem französischen aus Dijon stammenden Kunstkenner und Schriftsteller Louis Viardot verbrachte Pauline eine lange Zeit im Kurort zu dessen Glanzzeit seit dem Jahr 1862 bis etwa 1873.
Turgeniew schrieb in Aussicht auf ein gemeinsames Leben im idyllischen Schwarzwaldort: „Es ist so verlockend, dass ich manchmal fürchte es kann nicht wahr werden“.

Die Viardots verließen das Frankreich
Napoleons III bewusst, da es ihnen aus gutem Grund nicht mehr behagte.
Viel Wissenswertes dazu kann der Interessierte in dem bemerkenswerten Buch des großen Sängers Dietrich Fischer-Dieskau erfahren: „Wenn Musik der Liebe Nahrung ist. Künstlerschicksale im 19. Jahrhundert“, erschienen bei DVA.

Als Baden-Baden wirklich ein Weltbad war und noch nicht, etwa von Bemühungen u.a. des Festspielhauses, dem Museum Frieder Burda und ein paar schönen Hotels wie dem Casino abgesehen und wenigen anderen Institutionen mehr wie dem Theater und der Philharmonie, in eher kleinstädtische Provinzialität abgerutscht war, wie es leider aktuelle Tendenz ist.

Derzeit flaniert der Visiteur an den Kolonaden und unweit des Conversationshauses als in der Trinkhalle wieder an einer Selektion aktueller Scheußlichkeiten vorbei, die Gebäude im „Glühbirnen-Country-Stil“ verschandeln und auf Lustig machen.
Eventuell hochgelobter Kitsch der Gegenwart, der uns als Kunst verkauft wird.
Das mutet an, wie in einer Geisterstadt im Wilden Westen. Vielleicht ist das dann tatsächlich bald so, das wunderte mich nicht.

Doch zurück zu Pauline Viardot-Garcia.
Verschiedene Veranstaltungen standen dabei auf dem Programm.
So gab es eine kleine Sonderführung im indes multimedial aufgerüsteten Brahmshaus in den aufwändig und ausgezeichnet neu restaurierten Räumen des Erdgeschosses durch die Kustodin, welche auf eine delikate Stelle aus einem Brief von Clara Schumann an ihren Freund Johannes Brahms anlässlich eines Besuchs bei Pauline Viardot-Garcia hinwies, in dem sich Clara über den unterkühlten Empfang im Musiksalon mit Orgel, der sogenannten Kunsthalle- unweit der Villa Viardot und der Villa Turgenjew- beschwerte, indem sie schrieb, das hätte wenig Würde gehabt.
Der Dichter Turgeniew war sich nicht zu schade, den Blasebalg der Orgel dort zu betätigen.

Übrigens hat sich vom Viardots Musentempel nichts erhalten, nicht einmal Grundmauern,

„Auch das Schöne muss sterben“ dichtete einst Friedrich von Schiller.
Ausgestattet war das Interieur ferner mit einem Teil der erlesenen Gemäldesammlung von Louis Viardot.
Freilich stießen da zwei Welten aufeinander.
Auf der einen Seite die Haute Volée im Umkreis der Viardots, mit den Leuten von Rang und Namen, Fürsten und Kaisern als Gästen und Musikstars auf dem Podium, darunter etwa der russische Pianist Anton Rubinstein, dann auf der anderen Seite den im besten Sinne bürgerlichen Kreisen der Familie Schumann und des Hausfreundes Johannes Brahms.

Die bis heute erstaunlich resistente Sorte der Baden-Badener Ureinwohner, die laut neuesten Genstudien zur Spezies cives pilus maximus zählen, diese bezeichneten Pauline gar als „Viardot-Garstika“. Offensichtlich aus Komplex und Sozialneid.

Man müsse diesen Brief Clara Schumanns im Kontext lesen, so die Hüterin des Brahms-Hauses zu Lichtental. Denn im Grunde genommen hätten die beiden Frauen weitgehend ein gutes Verhältnis gehabt.

Mit der Würde ist das so eine Sache, denn die Kustodin der Casa Brahms war überraschend nicht erbaut darüber, dass ich gleich nach zwei Presse-Karten zum Höhepunkt des kleinen Festivals der Salon-Oper „Der letzte Hexer von Baden-Baden“ fragte, die mir dann aber freundlicher Weise von Seiten der Karlsruher Schlosskonzerte gewährt wurden.

Woran ich sehe, dass ich als Autor unter anderem der NZZ, der FAZ und von Musik&Theater Zürich etc.etc., Gastredner auf wissenschaftlichen Kolloquien, Herausgeber und Schriftsteller (ein wenig Maler) offensichtlich nicht für würdig erachtet werde, über ein kleines eher schlecht besuchtes Festival, ohne Stars, aus freien Stücken zu berichten, das wahrscheinlich in der lokalen Presse und auch sonst überhaupt fast nicht berücksichtigt wird.

Überdies mit dem Einsatz meiner eigenen finanziellen Mittel und unter hohem Aufwand rein ehrenamtlich, was ich etwas ridicule finde, aber das nur am Rande.
Was soll ich mich über dergleichen teutonische Petitessen weiter aufregen, ich sehe im Geiste die Viardots und Dichter Turgeniew zustimmend nicken.

Jedenfalls machte man sich in Baden-Baden Mühe mit Sonderführungen durch die Stadt auf Spuren der Viardot-Garcias und in der öffentlichen Bücherei, wo im neuen Literatur-Museum sehenswerte Stationen des berühmten Paares inklusive des dritten im Bunde, nämlich Turgeniew zu entdecken sind. Dann ging es weiter mit einer Soirée in einem Steinway Pianohaus, dass sich werbewirksam einklinkte.

Höhepunkt war freilich die fast halbszenische Darbietung von Auszügen der Salon-Oper „Der letzte Hexer vonBaden-Baden“ auf ein französisches Libretto von Iwan Turgeniew, das teils ins Deutsche übertragen wurde, im Kristallsaal des Kulturhauses LA8 in der Lichtentaler Allee, ein ehemaliges königliches Palais, seitens eines Ensembles der Karlsruher Schloss-Konzerte.

Auf den Liederabend einer Hommage an Pauline Viardot-Garcia und Julius Stockhausen in der Herberge für sehr vermögende Wartende auf das finis linea vita verzichtete ich freiwillig, da zu diesem Concert angeblich keine Presse-Karten disponibel wären und da ich ohnehin anderen Verpflichtungen nachkommen wollte.

Bislang kannte ich Pauline Viardot-Garcia als Liederkomponistin und als geschickte Bearbeiterin von Klavierstücken Frédéric Chopins zu Vokalstücken. Jetzt kam mit dieser Salon-Oper für Singstimmen mit Klavierbegleitung etwas hinzu, was mich überraschte und im Tonfall an berühmte Bühnenwerke von Jaques Offenbac erinnerte.

Premiere hatte das Stück seinerzeit in der Villa Turgeniew mit prominenten Gästen. Diese Parodie auf „Napoleon den kleinen“, wie Victor Hugo sich ausdrückte, gefiel damals.

Die folgende Aufführung der Operette Paulines zu Karlsruhe im großherzoglichen Landestheater um
die Jahreswende 1869/1870 war weniger glücklich, wie Dietrich Fischer-Dieskau schreibt: „Der Erfolg blieb jedoch aus. Es fehlte hier die improvisiert wirkende Atmosphäre des kleinen Privattheaters. Die Bühnenbilder aus dem Fundus des Karlsruher Theaters erdrückten die zarte Darbietung. Professionelle Darsteller und Sänger passten nicht in den Rahmen des Stückes, und die konventionelle Regie des Intendanten tat das Ihre, um die Wirkung zu verfälschen. Es galt sich gegen feindselig neidische Stimmung im Theaterpersonal zu behaupten was maßten sich diese „Fremden“ an?“
Schuld daran waren ferner nationalistische Wagnerianer, die Paulines Operette als Satire auf die deutsche Romantik falsch deuteten.

Nun in Baden-Baden knüpfte man anno 2026 an den Erfolg dieser Uraufführung in der Villa Turgeniew im Kristallsaal des LA8 an und trug zur Ehrenrettung von Paulines Operette bei.

Zwar nicht durchgängig auf höchstem stimmlichen Niveau, aber mit guten bis sehr guten Stimmen und akkurater Klavierbegleitung.

Es ist die Geschichte vom alternden Hexer Krakamiche, der Unruhe ins Elfenreich bringt, in drei fantasievollen Akten.
Besonders gefallen die Ensembles daran, aber auch einzelne ariose Partien in ihrer gelenkigen Melodiosität und eine auffällige zeichnerische Bildhaftigkeit.
Und zum Beschluss hatte die Sache einen besonderen Charme à la française durch das gemeinsame Singen eines der Chöre daraus auf die Compagnes ailées, den Gesang der Königin mit den geflügelten Gefährtinnen, den Elfen nämlich.
Das ging dann fließend über in den Geburtstag Paulines um Mitternacht mit Sekt, Tartelettes und fromage wie jambon.
Ein fröhlicher Ausklang auf Pauline, vive Pauline!

Jean B. de Grammont

Bilder Copyright teils beim Autor, sie zeigen Fotos der Aufführung von Paulines Operette und des Brahms-Hauses und zwei Aquarelle von Baden-Baden und dem Entrée des Festpielhauses anlässlich eines Konzerts mit Mozart.
Dann historische Fotografien von Pauline Viardot-Garcia, einmal in der Rolle des Orpheus (Gluck), und ein Holzstich der Viardot‘schen Kunsthalle mit Gästen. Zudem ein Noten-Autograph Paulines. Ferner eine Porträt-Skizze von Pauline ihres Freundes Turgeniew. Copyright hier Erben von Ernst Brands Nachlass und DVA.