
Indes ist die sechste Folge der Gesamtaufnahme des Französischen Kantaten-Jahrgangs beim Label CPO erschienen.
Es fehlt nunmehr noch eine Doppel-CD, die voraussichtlich kommenden Herbst erscheinen wird, damit wird ein Kapitel großer Musikgeschichte endlich ein glückliches Ende finden.
Es ist das erste Mal überhaupt, das ein Telemann‘scher Kirchenkantaten-Jahrgang von insgesamt 72 Stücken komplett aufgenommen wird.
Telemanns zweiter vollständiger Jahrgang ist das, nach dem Epoche machenden Eisenacher „Geistliches Singen und Spielen“ von 1710/11, nun aus den ersten Jahren seiner Frankfurter Zeit für das Kirchenjahr 1714/15.
(Ich berichtete bereits über die ersten 5 Folgen ausführlich auf haute-culture-jdg.de, Stichwort Telemann.)
Wohl bin ich weit und breit der beste Kenner des Telemann‘schen OEuvres unter den Rezensenten, denn seit über 40 Jahren beschäftige ich mich mit Telemann, seinem Leben und Werk und seiner Zeit.
Wieder sind 10 Kantaten auf zwei CDs zu entdecken. Diesmal zum Weihnachtsfestkreis einschließlich der Marien-Feiertage und für verschiedene Sonntage nach Epiphanias.
Es sind Kantaten wie gemalte Kirchenfenster mit Einflüssen des französischen Stils komponiert, so bildreich und farbig leuchtend, so trefflich erzählend und einfallsreich geschrieben, dass es wundernimmt, weshalb es so lange gedauert hat, bis sich die Musikwelt überhaupt wieder dafür interessiert hat.
Aber da früher allein Johann Sebastian Bach als der Alleinseligmacher in Sachen evangelischer Kirchenmusik galt, durfte da weder Telemann noch Graupner gespielt werden. Die wären ja beide Kleinmeister und ihre Musik kein Vergleich zur erhabenen Übergröße des Übervaters Bach. Aber so entstanden aus mangelnder Werkkenntnis Fehleinschätzungen und Fehlzuschreibungen, so dass in alten Bach-Ausgaben eine ganze Menge Telemann Kantaten und selbst Clavier-Stücke zu finden waren.
Übrigens hat wohl Johann Sebastian Bach selber viele Kantaten aus diesem Telemann Jahrgang in Weimar aufgeführt und diese Musik seines Freundes Telemann zum Vorbild für eigene Kirchenstücke genommen. Wenn man hereinhört in das vorliegende Doppel-Album, wundert einen das nicht.
Bewährte Interpreten sind wieder die Gutenberg- Soloists und das Neumeyer Consort zusammen mit führenden Gesangs-Solisten unter Leitung von Felix Koch.
Die festliche Kantate auf Mariä Heimsuchung beginnt gleich mit einem jubelnden Chor mit Streichern, Pauken und Trompeten, der in einer sich himmelwärts aufschwingenden Alleluja Fuge mündet. Auch die Bass und Tenor-Arien und Rezitative wie der prunkvolle Schlusschoral zeigen Größe.
Sehr stimmungsvoll sind die drei Weihnachtskantaten. In der ersten mit zwei Hörnern und Orchester flirren die Streicher wie Engelsflügel zum Choral In dulci jubilo, ein Tenor Accompagato beschwört das Wunder von Christi Geburt, eine zauberhafte Bass-Arie besingt die Heilige Nacht, eine pastorale Tenor Arie singt von Jesu Krippe mit einer hinzutretenden Flûte traversière. Endlich erklingt das Weihnachtsmotto Ehre sei Gott in der Höhe in einem kunstvollen kontrapunktischen Chor. (Übrigens wurde diese Kantate vor sehr langer Zeit schon einmal eingespielt)
Schlichter ist die Kantate zum zweiten Weihnachtstag gestaltet. In einen Choral werden ariose Abschnitte eingesetzt und ausdrucksvolle Arien rahmen einen Chor mit Solisten.
Sehr festlich steigert sich die Kantate zum dritten Weihnachtstag zu großem Jubel in einem Doppelchor mit zusammen 5 Trompeten und Pauken, die zu Oboen und Streichern treten.
Auch die übrigen Kantaten haben viele Besonderheiten und sind teils von großer Innigkeit oder opernhafter Theatralik.
Etwa wartet Jesu meine Freude mit einem wunderschönen Duett, einem ausdrucksvollem Chor und kunstvoll harmonisierten Chorälen auf.
Die Solisten, darunter Susanne Langner Alt und Hans Christoph Begemann Bass sind erfahrene Interpreten des Barock-Repertoires. Hinzu treten jüngere Stimmen, die bestens zu dieser Musik passen. Der kleine Chor und das Barockensemble machen ihre Sache gestalterisch ausgezeichnet. Felix Koch lässt flüssig und klar musizieren, nie wird forciert und die Tempi sind ausgewogen.
Es bleibt stets Raum zum Atem holen, den Musikern wie den Lauschenden.
Also kann sich die kontemplative Seite und das tröstlich Erbauliche dieser geistlichen Musik wunderbar entfalten.
Ich freue mich bereits auf das abschließende Album und bin gespannt, ob weitere Telemann Jahrgänge folgen werden. Es gibt noch viel zu entdecken bei Telemann, einem lange unterschätzten Komponisten, der zu den ganz Großen der Musik gehört.
Jean B. de Grammont
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